Kann denn Fragen Sünde sein?

Antwort auf den Kommentar von „ich“
(http://delete129a.blogsport.de/2007/08/13/wozu-dient-dieses-forum/#comments)

Guten Morgen,

lieber „ich“ oder liebe „ich“,

vielen Dank für Deinen Beitrag und Deine deutliche Position.

Aber was ist denn nun eigentlich Dein Argument? – außer „verdammt nochmal“.

Hier werden nur Argumente, Positionen, diskutiert, die ihrerseits vorher öffentlich geäußert wurden. Warum also nicht darauf genauso öffentlich antworten?

Dein Argument wird ja nicht sein, die ‚richtige’ Position darf öffentlich gesagt werden, die ‚falsche’ aber nicht?! Wie sollen wir herausfinden, was die richtige Position (oder vielleicht: die richtigen Positionen) sind, wenn wir nicht miteinander diskutieren und jedeR ihre/seine Argumente verantwortet?

Und apropos Solitreffen: Woher meinst Du zu wissen, daß wir nicht kommen? (Das bisher einzige, uns bekannte, öffentlich angekündigte Treffen hat nämlich noch gar nicht stattgefunden!) Außerdem ist das Ganze sicherlich nicht nur ein Thema, das nur innerhalb der Grenzen des Berliner S-Bahn-Rings wichtig ist und deshalb auch nur vor Ort diskutiert werden muß.

Und als letztes: Die Texte hier versuchen ja (vielleicht ist es schlecht gelungen) begründet Vorschläge zu machen und begründet Kritik zu formulieren.

Was sagst Du denn in der Sache? Oder geht es Dir nur darum, daß ‚man so was (öffentlich Kontroversen austragen) nicht macht’?

Was sagst Du denn zu dem Vorschlag, den § 129a gleichermaßen bezüglich aller sieben Beschuldigten ins Zentrum der Kritik zu rücken?

Findest Du es richtig, wenn die Rosa-Luxemburg-Stiftung „Freiheit des Denkens und […] Gewaltfreiheit“ als „hohe Güter der Bundesrepublik“ bezeichnet?

Findest Du es nicht zumindest zweischneidig, wenn die Verteidigung in ihrer Erklärung nahelegt, die von der Bundesanwaltschaft verfolgten Taten sollten die Bundesrepublik gar nicht erheblich schädigen?

Findest Du es nicht problematisch, wenn Volker Ratzmann von einem „zufällig zustande gekommenen, losen Zusammenschluss von Personen“ spricht? Woher weiß er das? Das darf öffentlich gesagt werden – aber die Warnung vor solchen vorab-Festlegungen darf nicht ausgesprochen werden? (Ich sage wohlgemerkt nicht, daß es umgekehrt ist. Wir wissen es nicht. Und auf diese Unwissenheit sollten wir unsere Argumentation einstellen, oder nicht?)

Findest Du es nicht problematisch, wenn Felix für die drei in Brandenburg Festgenommenen fast nur Resignation übrig hat und alle Energie auf Andrej konzentrieren will, weil nur da „was herauszuholen ist“ (http://de.indymedia.org/2007/08/189855.shtml)?

Findest Du es nicht problematisch, wenn das MieterEcho Pressecharakterisierung der mg, wie „‚Feierabendendterroristen’ mit verschwörungstheoretischer Argumentation“, aufgreift und dem dann, Andrej, das Mitglied eines „renommierten internationalen Verbund[es] von Stadtsoziologen“ gegenüberstellt? Sicherlich muß nicht alles gut gefunden werden, was die mg schreibt und macht. Aber kann es eine sinnvolle Strategie sein, die Beschuldigten zu verteidigen, indem Seitenhiebe auf die Organisation abgegeben werden, die die BAW verfolgt?

Und greift nicht schließlich selbst noch die Argumentation des Buko zu kurz, die sich dagegen wendet, daß für die BAW und den Bundesgerichtshof es „als ‚terroristisch’ gilt, Meinungen frei zu äußern, kritische Forschung zu betreiben oder sich für gesellschaftliche Veränderungen zu engagieren“?

Ist nicht – selbst nach liberalen Maßstäben (von autonomen, revolutionären oder sonst welchen ganz zu schweigen) – auch zu kritisieren, daß nach Ansicht von Gesetzgeber und Justiz eine gesellschafts-kritische Meinung dazu führt, daß eine versuchte Brandstiftung zu einem terroristischen Akt wird – mit allen Folgen, die die Anwendung des § 129a für Ermittlungsverfahren, Prozeß und Urteil hat?

Findest Du nicht, daß das zumindest relevante Fragen sind, die öffentlich diskutiert werden sollten (weil sie die Öffentlichkeit und das Verständnis von Öffentlichkeit betreffen)? Findest Du nicht, daß diese Fragen Antworten verdienen? – auch, wenn Du vielleicht andere Antworten gibst als ich.

Ich würde mich freuen, wenn Du Dich nun – nachdem Du gestern abend Deinem spontanen Ärger Luft gemacht hast – auch an der Diskussion beteiligen würdest. –

Was hältst Du von der These, daß nicht diese Fragen denen, „die sich mit der soliarbeit arme und beine ausreißen, das leben schwer […] machen“, sondern daß diese Fragen gerade im Interesse einer erfolgreichen Soliarbeit gestellt werden müssen, weil das Leben selbst so kompliziert ist?

Wer zu spät fragt, den bestraft das Leben. Oder was meinst Du?

Sind wir nicht den Beschuldigten (oder uns selbst zumindest) schuldig, uns nicht nur Arme und Beine auszureißen, sondern dabei auch unseren Kopf zu benutzen?

Auf Deine und anderer Leute Antworten hoffend

Paragraphenamzone


2 Antworten auf „Kann denn Fragen Sünde sein?“


  1. 1 auch ich 14. August 2007 um 11:42 Uhr

    Wer hat wohl zu dem ersten öffenlichen Treffen eingeladen? Das ist wohl auch aus der einladung ersichtlich gewesen. in der einladung steht, dass eine gemeinsame soliarbeit gemacht werden soll. was hier auf dem blog gemacht wird ist doch scheiße. auf dem rücken von leuten die im knast sitzen mal ein wenig rumlabern. für die leute im knast ist es wichig, dass sie rauskommen. dass da andrej der schwächste punkt ist, ist doch klar. dass sich alle aufregen ist doch super. dass hat nichts mit entsolidarisierung zu tun. wenn die stelle brüchig wird, wird das ganze 129a-konstrukt brüchig – und das ist gut so. dass eine stiftung keine brandstiftung gut finden kann ist doch logisch. was hier passiert ist nicht politisch diskutieren, sondern narzistischer scheiß.

  2. 2 §amazone 15. August 2007 um 17:48 Uhr

    Liebe/r „ich“,

    ehrlich gesagt:

    „scheiße“ finde ich immer noch kein besseres Argument als „verdammt nochmal“.

    Ansonsten: „gemeinsam“ ist sicherlich immer gut – wenn es denn auch einen gemeinsamen Inhalt gibt.

    Also: Gemeinsam WOFÜR?

    Gemeinsam gleichberechtigt für ALLE SIEBEN Beschuldigte? Dann sind wir sofort dabei. Für diese Forderung leisten wir hier schon einen kleinen Beitrag, auch wenn Dir das vielleicht ‚zu unpraktisch‘ vorkommt.

    Oder gemeinsam in erster Linie für die beschuldigten Wissenschafler – und für die anderen Beschuldigten fällt dann vielleicht auch etwas ab.

    Außerdem: Ich hatte nicht gesagt, daß es schlecht ist, daß sich viele („alle“ sind es leider noch lange nicht) aufregen, daß Andrej in den Knast gesteckt wurde. Ich sage, NICHT es ist FALSCH, sondern ich sage, es ist ZU WENIG, sich nur darüber aufzuregen, daß Andrej in den Knast gesteckt wurde. Bei den anderen dreien ist nämlich genauso wichtig, daß sie rauskommen.

    Du sagst: Andrej ist der schwächste Punkt in der Argumentation der BAW. Sicherlich. Aber nichts hindert die BAW notfalls, dem Druck bezüglich Andrej nachzugeben – und das 129a-Verfahren gegen die anderen drei alleine weiter durchzuziehen. Außer wir machen von Anfang an für alle sieben Druck.
    Wie kommst Du denn darauf, daß „wenn die stelle [Andrej] brüchig wird, […] das ganze 129a-konstrukt brüchig [wird]“? Das ist doch eine bloße Hoffnung, mit der Du Oliver, Florian und Axel da abspeist.

    Und als letztes: Du schreibst: „dass eine stiftung keine brandstiftung gut finden kann ist doch logisch.“ Die RLS hat nicht geschrieben, daß sie nicht auf Brandstiftungen steht, und das hatte ich folglich auch nicht kritisiert.

    Die RLS hat vielmehr „Freiheit des Denkens und […] Gewaltfreiheit“ als „hohe Güter DER BUNDESREPUBLIK“ bezeichnet. Das ist etwas ganz anderes, als wenn die RLS sagen würde, für SIE sind Freiheit des Denkens und Gewaltfreiheit hohe Werte – und deshalb sind sie sowohl kritisch gegenüber dem Staat (oder vielleicht auch nur der Regierung) UND kritisch gegenüber der mg bzw. der Brandstiftung bei MAN. Und sie verteidigen den liberalen Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ – in allen sieben Fällen. Das hat die RLS aber nicht erklärt.

    Und weil wir schon bei „liberal“ sind: Die RLS mag gegen Brandstiftungen sein; da würde ich – genauso wie Du – nichts anderes erwarten. Aber die Aufgabe nicht nur von linken oder sozialistischen, sondern die Aufgabe selbst von liberalen Ansprüchen beginnt doch schon bei folgendem: Nämlich dann, wenn mit einem Bekenntnis gegen Gewalt sich erst einmal eine Eintrittskarte gekauft wird, um den Staat (die Regierung) punktuell kritisieren zu dürfen.

    Liberal wäre, die Souveränität zu haben zu sagen: Heute kritisieren wir mal den Staat und dafür haben wir gute Argumente in der Sache, und mit den diesen Argumenten wollen wir gehört werden, ohne wir vorher erst einen staatstragenden Zuverlässigkeitsbeweis erbringen. (Und wann anders diskutieren wir darüber, warum die Linkspartei nicht die militante gruppe ist und auch nicht sein will.)

    Jeder hat das Recht, den Staat zu kritisieren und muß es sich nicht erst durch irgendwelche Vorleistungen erkaufen. Das wäre eine liberale Position!

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