lieber lastenesel als lichterengel


Wiederveröffentlichung eines Briefes von Christian Geissler an Helmut Pohl

Als wir diesen blog begannen, waren wir mit Anwürfen des üblichen Szene-Aktionismus und -Pragmatismus konfroniert, der immer etwas tun will, ohne sich die Frage zu stellen, was denn wohl eine nützliche und sinnvoll Tat ist:

„Soli-Arbeit sollte nicht ohne die Rückkopplung an die Betroffenen gemacht werden und nicht jeder Scheiß sollte öffentlich diskutiert werden. Hier die “offizielle” Website: …“ („einstellungssache“ am 13.8. bei indymedia)
„warum geht ihr nicht einfach zu einem solitreffen oder macht was reales anstatt den leuten, die sich mit der soliarbeit arme und beine ausreißen, das leben schwer zu machen?“ („ich“ am 13.8. auf dieser Seite)
„was hier auf dem blog gemacht wird ist doch scheiße. auf dem rücken von leuten die im knast sitzen mal ein wenig rumlabern.“ („auch ich“ am 14.8. auf dieser Seite)

Darauf wurde zwar schon teilweise geantwortet (1), aber wir möchten hier noch einmal grundsätzlich darauf zurückkommen und den Anfang eines Brief von Christian Geissler an Helmut Pohl, seinerzeit Gefangener aus der RAF, der im AK 315 vom 5.2.1990 erschien, wiederveröffentlichen.

Dieser Anfang scheint uns von bleibender Richtigkeit zu sein -
++ unabhängig davon, daß die heutige Situation eine andere ist als die damalige, die im weitere (hier nicht wiederveröffentlichten) Text des Briefes diskutiert wurde,
++ und auch unabhängig davon, wie wir (oder auch Christian Geissler selbst) heute die damals in diesem zweiten Teil formulierten Positionen und Argumente finden; und erst recht unabhängig davon, was damals – von wem auch immer – über jenen zweiten Teil gedacht wurde.

Hier also der Anfang des damaligen Textes:


Grüße an Helmut Pohl

von Christian Geissler

das sind viele
im prozess
oder wer seid ihr
seid wir
sind ihr
unterwegs

lieber helmut. wir haben bisher nur wenige briefe gewechselt. jetzt hast du uns öffentlich geschrieben im oktober 89 (taz 17-11-89), und ich will dir jetzt endlich öffentlich antworten. das macht mir schwierigkeiten. das öffentliche schweigen hockt mir auf jedem wort. oder gibt es irgendwo öffentlich antwort auf deine öffentliche nachricht an uns, und ich hab sie nur übersehen? oder gibt es in fachkreisen, hinter der hand, die klärende verständigung? wo wär das? hinter der hand ist nicht der raum für weitgreifendes solidarisches lernen. – also los, ich fang meine antwort jetzt an.

was ist antwort.

nicht abschließend etwas feststellen, sondern nachdenkend was losmachen; weiterführen das kritisch klärende nachfragen, das zutrauen in unsre arbeit zwischen draußen und drinnen. also jetzt deinen überlegungen wachsam nachgehen.

wohin gehen.

und warum grad ich.

du weißt da besser bescheid als viele, ich bin zum reden angestoßen aus meiner geschichte.

seit nachts vom achten auf den neunten mai neunzehnhundertundsiebzig, nach einer gemeinsamen ndr-fernsehsendung draußen in hamburg-lokstedt, ulrike und ich, aus paralleler arbeits- und parteigeschichte (*2), den anfang damals durchredet haben, durchhofft und durchstritten haben (wir sind uns nicht einig geworden; das sieht man an dem platz, wo ich sitz; auch kann man das nachlesen über tausendzweihundert öffentliche seiten [*3]), auch sehr durchrätselt haben (nicht nur ich hatte wut um den begriff des kommunistischen kampfes, angst um menschen), ist euer leben aus meinem leben, euer anspruch und euer wissen aus meinem, eure arbeit aus meiner, ja auch euer unsinn aus meinem unsinn nicht mehr wegzutrennen. also versuch ich heut meine antwort. in diesem zwanzigsten jahr. unruhig gereizt. genossentlich. bestimmt nicht fehlerfrei (so ist niemand; oder verrückt). bestimmt dauerhaft wach in der sache der klassenkämpfe (so sind wir; oder wir kippen).

also los.

1. du beginnst mit dem gedanken, es sei längst zeit, unter der geschichte nach dem hungerstreik einen schlußstrich zu ziehen. das kann sein. aber denk das doch auch mal so: die zeit nach dem hungerstreik (*4) (so wie ja auch die zeit des hungerstreiks) ist nicht nur deine zeit, eure zeit drinnen, sondern auch unsre hier draußen. sie ist die zeit von denen, die während des hungerstreiks, auch schon vorher und schwierig danach, und heute noch an vielen verschiedenen plätzen im land, für eure zusammenlegung (als etwas für uns) öffentlich arbeiten bzw. gearbeitet haben. es ist also eure und unsre Zeit, unsre gemeinsame zeit jetzt nach dem hungerstreik. und wir schließen sie also gemeinsam ab, und nicht ihr macht das allein. oder wir halten sie, zur gemeinsamen weiterarbeit – drinnen mit drinnen; drinnen mit draußen; draußen mit draußen – offen. was da jetzt entschieden, also schlußgestrichen oder offengehalten wird, ist nicht nur dein/euer ding. das muß uns allen, spätestens nach dem 12-5-89 (*5), wichtig sein.

2. du sagst dann, und das bestimmt drinnen eine besonders gefährliche erfahrung, die offene situation … produziert eine unerträgliche lähmung. aber ich frage mich, dich, ist das so zwingend, wie du es nennst, unerträglichkeit. oder anders: wenn das so dringend ist, ist das dann auch schon politisch richtig? für mein verständnis, also für das, was ich politisch will, lauert hier auch ein fehler. und zwar so: das offne zerrt, es verlangt, oft widerlich kaum noch erträglich, geduld. die durchzuhalten, offenzuhalten, kann einen an grenzen schaffen, an die man nicht will. (du kannst jetzt sagen, was weiß dieser geissler am ofen von grenzen und geduld und unerträglichkeit; aber sag das mal eben noch nicht; auch hier draußen sind unerträglichkeiten, und seien es die der dummheit und verwirrung; aber, nicht wahr, wir wollen zusammen weiter, müssen lernen, uns gegenseitig zu kapieren; aus ganz verschiedenen orten wir.) kann uns aber auch weiterhelfen, ich sags mal so: das offene hält prozessraum, entwicklungsraum, entdeckungsraum, lernraum frei; den brauchen wir alle. oder ich sage das, aus den draußenereignissen grad dieser tage, für mich jetzt so: der fixe knall ist mir so abschließend öde wie das schweigen.

etwas abschließen ist nach meiner erfahrung oft nur bange was zuschließen, dichtmachen. und ich denk, und auch eben jetzt im internationalen bruch weltweit, in diesen wirren wie trickgesteuerten zusammenbruchsprozessen, die wir weithin in unsern aufbruch zu wenden haben werden, und genau eben darin genau auch nach diesem zehnten hungerstreikkampf, haben wir alle schwieriges, aufreißend neues vor. es wirbelt; es wird verraten; es wird bestes neu entdeckt; es muß von uns das unsre neu konzentriert werden; und mitten in diesen zerstörungs- und konzentrationsprozessen steckt auch unser/euer lern- und arbeitsprozeß zur zusammenlegung; lernen, streiten, korrigieren, lernen; eben das leben zwischen drinnen und draußen und drinnen und drinnen und draußen und draußen; stoffwechsel, hat eva gesagt.

so will ich jetzt unsre situation verstehen.

und alles das willst du schlußstreichen, abschließen nach sieben monaten? hab ich das richtig gelesen? und stattdessen was?

[…] oder ist das bekenntnisarbeit? es ist aber gegen vernichtung nicht einsam der glaubensakt nützlich, sondern der schlaue schlich. glaubensbekenntnisse sind immer letzter verschluß. in sie paßt nichts neues mehr rein. also will ich sie nicht, politisch erstrecht nicht. erstrecht nicht jetzt im drama draußen weltweit. und viele hier draußen wollen die nicht. und wollen die auch und erstrecht von euch nicht. ist euch das egal? was wir von euch/von uns wollen – das etwa ist euch egal? das kann nicht sein. nein. ich mach weiter. jetzt diesen brief. denn wir geben unsre arbeit für den zusammenlegungsprozeß als breitem lernprozeß, also als einen politischen prozeß im gesamtprozeß der revolutionären linken nicht auf. und ihr ja auch nicht (etwa im blick auf winzige, wichtige aber ganz abgekapselte kampfbeziehungsprozesse; schätzt die bitte konkret, politisch ehrlich ein, nicht phantastisch). sonst streicht ihr am ende euren schlußstrich durch lauter genossen- und genossinnengesichter; schließlich verloren durch eure … ach all dieses stricheziehen! ich finde es falsch, politisch falsch; bloß noch erhaben erhoben verhoben – ach: ängstlich! und angst, helmut, klemmt zu. wir brechen lieber vielfältig auf. mit allen. mit allen lasten dann auch. lieber lastenesel als lichterengel. wir wollen vorwärts, nicht aufwärts. rotfront gegen halleluja!

[…]

(1) Am 19.8. von „weiter“ auf indymedia:
„## Es gibt also eine ‚offizielle‘ Webseite! Es gibt verschiedene Webseiten. Und seit wann brauchen Autonome eine ‚offzielle Wahrheit‘?
## ‚erst mal mit den Betroffenen rückkoppeln‘. Hieß es nicht eben noch ‚Wir alle sind § 129a‘? Doch nicht so ernst gemeint – die Parole?
## Die aktuell HAUPT-Betroffenen sitzen im Knast (hat sich vielleicht ‘rumgesprochen, odr?), und wollten oder konnten sich bisher noch nicht öffentlich äußern.
Trotzdem wurde (und mußte begonnen werden) mit der Soliarbeit – auf eigenes Risiko.
Auch die Leute, die die ‚offizielle‘ Webseite betreiben, handeln auf eigenes Risiko; auf der Grundlage von selber denken – auch wenn sie es vielleicht nicht so deutlich sagen.
Und es ist nicht schlecht, daß Leute auf eigenes Risiko handeln – gut wäre nur, wenn sie dabei auch diskussionsbereit wären und ihre Argumente miteinander austauschen würden.
Warum verstecken sich Leute hinter den Gefangenen oder allenfalls halb zutreffenden Sicherheitsbedenken (s. die Ergänzung von Rat) anstatt einfach mal ein paar Argumente in die Diskussion zu werfen?“ (http://delete129a.blogsport.de/2007/08/20/reaktionen-bei-indymedia-auf-diesen-blog/; dort auch das erste der beiden oben im Text bei Anm. angeführte Zitate).
Und am 15.8. von §Amazone auf dieser Seite: „Also: Gemeinsam WOFÜR?“ (http://delete129a.blogsport.de/2007/08/14/kann-denn-fragen-suende-sein-2/#comments)

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Die folgenden Anmerkungen wurden von uns zum besseren Textverständnis eingefügt:

(*2) Anspielung auf die Mitgliedschaft von Ulrike Meinhof und Christian Geissler in der verbotenen KPD der 50er und 60er Jahre.

(*3) Wohl eine Anspielung auf Christian Geisslers eigenes Werk, u.a. sein Buches kamalatta (Rotbuch: Westberlin, 1. Aufl.: 1988, 2. Aufl.: 1989), das allein einen Umfang von 550 Seiten hat.

(*4) Anspielung auf den letzten großen Hungerstreik der Gefangenen aus der RAF und dem antiimperialistischen Widerstand 1989.

(*5) Gemeint ist wahrscheinlich das Datum der Hungerstreik-Abbruch-Erklärung. http://www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Stadtguerilla+RAF/RAF/raf-diskussionen_92-94.PDF datiert das Hungerstreikende auf den 14. Mai 1989.

Kursive Hervorhebungen im Original; fett-Setzung des Endes des Textauszuges hinzugefügt.