Dem Staate dienen

ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 515 / 16.3.2007

Das Hamburger Institut für Sozialforschung, die RAF und der „Sympathisantensumpf“

1.400 Seiten mit 64 Beiträgen zum Thema „Die RAF und der linke Terrorismus“ – schon der Umfang des zweibändigen Werkes macht deutlich, dass Wolfgang Kraushaar und sein Arbeitgeber, das Hamburger Institut für Sozialforschung, den großen Wurf versucht haben. Unabhängig von den Motiven und Leistungen der einzelnen AutorInnen handelt es sich in erster Linie um eine geschichtspolitische Tat: eine Abrechnung mit der radikalen Linken insgesamt, zugleich ein Bekenntnis des Instituts zu diesem Staat und seinem Gewaltmonopol. Unvermeidliche Begleiterscheinungen dieses Projekts sind Selbstbezichtigung und Denunziation.

„Allen Unkenrufen zum Trotz ist die Geschichte der RAF inzwischen ein abgeschlossenes Kapitel“, schreibt Wolfgang Kraushaar in der Einleitung. Was abgeschlossen ist, wird zum Gegenstand der Geschichtsschreibung, es wird eingeordnet und „historisiert“ – ein Fall für die Wissenschaft. Eine solche „Geschichte der RAF“ zu schreiben, wäre verdienstvoll – allein, der Historiker Kraushaar und das Hamburger Institut für Sozialforschung haben anderes, „Größeres“ im Sinn: Denn – so Kraushaar im allerersten Absatz des Buches – eine Hinwendung zu dem „abgeschlossenen Kapitel“ RAF setze das Bewusstsein voraus, „dass der Blick zurück perspektivisch zugleich auch immer durch jenes Schreckensdatum mitgeprägt ist, das in dem Kürzel ,9/11` seinen Ausdruck gefunden hat“. Tatsächlich widmet Kraushaar sich auf den folgenden Seiten ernsthaft den Unterschieden von „altem“ und „neuem Terrorismus“. Will das Hamburger Institut ein neues – öffentlichkeitswirksames und damit in mehrfacher Hinsicht profitables – Fach etablieren, die „vergleichende Terrorismusforschung“?

Terror im Wandel der Zeiten: „Von der RAF zu Al-Qaida“

Der Verdacht erhärtet sich, wenn man 90 Seiten weiter auf Henner Hess‘ Beitrag „Die neue Herausforderung“ stößt, dessen Unterzeile lautet: „Von der RAF zu Al-Qaida“. Wer sich trotzdem auf die Lektüre einlässt, stellt mit Erstaunen fest, dass weder in diesem noch in anderen Beiträgen eine eindeutige Definition geboten wird, was denn Terrorismus eigentlich ist. Kraushaar gesteht sogar zu, dass „eine umstandslose und möglicherweise voreilige Subsumtion der RAF unter den Terrorismusbegriff als fragwürdig erscheinen“ müsse. Was ihn nicht hindert, eben diesen „linken Terrorismus“ der RAF unter allen möglichen Aspekten untersuchen zu lassen.

Der Doktorand Olaf Gätje wurde z.B. für einen Beitrag aus „sprachwissenschaftlicher Perspektive“ verpflichtet. Seine „Stilanalyse eines Zellenzirkulars aus dem ,info`-System“ behandelt u.a. den „prototypischen Gebrauch des Schrägstrichs“ und enthüllt, dass die Formulierung „schwer isoliert“ eine „eindeutig negative Beurteilung der Haftsituation“ bedeute. Bemerkenswert erscheint dem jungen Forscher auch folgende Spezialität der Lageberichte aus dem Knast: „Abweichend von dem für die Textsortenklasse ,Bericht` sonst prototypischen Stilzug der Neutralität und Sachlichkeit liegen im vorliegenden Fall für den Gruppenstil der RAF charakteristische stark einstellungsbekundende und emotionale bzw. emotionalisierende Gestaltelemente vor.“ Die schönsten Satiren schreibt das Leben, die zweitschönsten entstehen, wenn akademische Fliegenbeinzähler sich an der „wissenschaftlichen“ Erklärung simpler politischer Sachverhalte versuchen.

Das geht nicht ohne Tausende von Fußnoten, die bei genauerer Prüfung allerdings einiges von ihrer einschüchternden Wirkung verlieren: Da schreibt ein „Experte“ vom anderen ab, und fragwürdige Quellen wie Vernehmungsprotokolle, polizeiliche Lageberichte und Abrechnungen von „Aussteigern“ werden völlig unkritisch zitiert. Allenfalls die Memoiren des Gefängniswärters Horst Bubeck über das süße Leben in Stammheim gelten da noch als unzuverlässig. Dass nicht nur bei skandalträchtiger Zeitzeugenprosa, sondern insbesondere bei Staatsschutzdokumenten Vorsicht am Platze ist, erscheint etlichen AutorInnen offensichtlich völlig abwegig: Sie verstehen ihre Studien ganz offen als Beiträge zur „Terrorismusabwehr“ und lassen angesichts der Bedrohung durch den „islamistischen Terror“ gern mal Fünfe gerade sein.

Die „Mitschuld“ der Linken am „Deutschen Herbst“

Wer dem Staate dienen will, kann auch auf Tabus nicht verzichten: Die Version vom Stammheimer „Kollektivselbstmord“ wird auf den 1.400 Seiten nicht ein einziges Mal in Frage gestellt. Über die Umstände des Todes von Wolfgang Grams 1993 in Bad Kleinen schreibt Alexander Straßner, hier sei der – angeblich durch die Aussagen der „Aussteiger“ ein für allemal erledigte – „Mythos von Stammheim“ durch einen „neuen Mythos“ ersetzt worden; etwas später muss er allerdings einräumen, dass „weder für einen Suizid (von Grams; Anm. ak) noch für eine ,standrechtliche Exekution` durch die GSG9 hinreichende Beweise vorliegen.“

Auch wenn einige AutorInnen zuweilen recht sorglos mit den Fakten umgehen, wäre der Vorwurf systematischer Geschichtsfälschung sicherlich nicht gerechtfertigt. Die RAF-Zitate sind authentisch. Dass sie in den Sammelbänden mehrfach wiederholt werden, lässt sich kaum vermeiden. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala rangiert Holger Meins‘ berüchtigtes „Schwein oder Mensch, … Sieg oder Tod“; mehrfach zitiert wird auch Ulrike Meinhofs naiver Lobgesang auf die Revolutionierung des Massenbewusstseins, die sich in einer wachsenden Zahl von Ladendiebstählen ausdrücke…

Während solche bedauerlichen Tiefpunkte politischer „Analyse“ übereinstimmend als Beweis für die generelle Verblendung der RAF-Kader präsentiert werden, bleibt die nicht unwesentliche Frage offen, wie denn die Haftbedingungen der RAF-Gefangenen zu bezeichnen sind. „Isolationsfolter“ und „Vernichtungshaft“ – das wäre „RAF-Propaganda“; andererseits wird ausführlich und unkommentiert der seinerzeit als Gutachter tätige Medizinprofessor Wilfried Rasch zitiert, der über den im Hochsicherheitsvollzug auf die Gefangenen ausgeübten Druck schreibt: „… wenn man tatsächlich darauf abzielt, mit diesem Druck eine Einstellungswandlung herbeizuführen, dann würde dies der Definition der Folter entsprechen.“

In mehreren Beiträgen werden wesentliche Aspekte des Themas nachvollziehbar, teilweise auch gut lesbar abgehandelt: beispielhaft etwa in Sabine Kebirs Aufsatz „Gewalt und Demokratie bei Fanon, Sartre und der RAF“, in Uwe Wesels „Bilanz der RAF-Prozesse“ oder in Stefan Spillers Schilderung der Sympathisantenhatz während der Göttinger „Mescalero-Affäre“.

Lesenswert ist auch Wolfgang Kraushaars Aufsatz „Der nicht erklärte Ausnahmezustand. Staatliches Handeln während des sogenannten Deutschen Herbstes“. Dem Autor allerdings scheint sein Text eine eher lästige Pflichtübung gewesen zu sein – unvermittelt kommt er am Schluss auf sein Lieblingsthema zu sprechen: die angebliche „Mitschuld an der gefährlichen Situation während der Schleyer-Entführung“, welche die radikale Nach-68er Linke zu tragen habe. Auf eine Selbstbezichtigung Antje Vollmers, die er zitiert, folgt Kraushaars Lehre der Geschichte: „… dass eine Auseinandersetzung um den Deutschen Herbst einseitig bleiben muss, solange sie neben den verfassungsrechtlich bedenklichen Elementen staatlichen Handelns nicht auch die Wechselbeziehungen zur radikalen Linken und deren nicht nur projektiven Konnex mit dem Terrorismus der RAF thematisiert.“

Damit endet der Artikel. Dass er mit dieser (vorsichtig ausgedrückt) zweifelhaften Pointe sein Thema verfehlt, wird Kraushaar vehement von sich weisen – tatsächlich ist genau diese Message der zentrale Zweck des ganzen Projekts. So werden auch die drei Aufsätze aus dem Büchlein „Rudi Dutschke Andreas Baader und die RAF“ (Hamburger Edition 2005; vgl. Kurzrezension in ak 494) noch einmal nachgedruckt: Kraushaars Versuch, Dutschke als Urheber des „Konzepts Stadtguerilla“ zu brandmarken; Karin Wielands vulgärpsychologische Erzählung über den „dandyistischen Ich-Kult von Andreas Baader“; Jan Philipp Reemtsmas Abrechnung mit Horst Eberhard Richter und anderen „verständnisvollen Dritten“, die „die Geschichte der RAF verstehen“ wollen.

Reemtsmas Aufsatz steht am Ende des vorletzten Abschnitts von Band zwei. Am Anfang dieses Abschnitts, überschrieben „Hypothesen“, müht sich Dorothea Hauser, den „Terrorismus der 1970er Jahre“ in (West-)Deutschland, Italien und Japan auf gemeinsame Erblasten der „ehemaligen Achsenmächte“ des Zweiten Weltkriegs zurückzuführen. Die RAF, so ihr Befund, führte „den mit einem deutlich antimodernen Akzent imprägnierten Kampf um die Rehabilitierung des nationalen Gestern, die NS-Zeit eingeschlossen.“ Der Fantasie sind hier ebenso wenig Grenzen gesetzt wie dem Hass, der sich auch in den Machwerken anderer AutorInnen austobt. Jenseits der Ekelschwelle bewegt sich der unvermeidliche Gerd Koenen, wenn er den „befehlsgemäß im Hungerstreik gestorbenen deutschen RAF-Soldaten Holger Meins“ begeifert.

Das Politbüro des Hamburger Instituts – Reemtsma, Kraushaar sowie der nur mit einem kurzen Beitrag vertretene Heinz Bude – hält sich mit derlei Tiraden zurück. Emotional und persönlich wird namentlich Reemtsma, wo er meint, eigene Verirrungen bekennen zu müssen. Das wird insbesondere in den beiden im Schlusskapitel „Nachfragen“ dokumentierten Gesprächen deutlich, die Kraushaar und Reemtsma mit dem ehemaligen BKA-Präsidenten Horst Herold (83) und mit dem Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (77) geführt haben. Beiden muss Reemtsma unbedingt anvertrauen, dass er als Schüler für Brechts stalinistisch beeinflusstes Lehrstück „Die Maßnahme“ geschwärmt hat, bis sein moralisch integrer Lateinlehrer ihm erfolgreich ins Gewissen redete. Seine frühe Läuterung, die er hier musterschülerhaft gleich zwei Mal hinausposaunt, kann aber wohl doch nicht ganz vollständig gewesen sein; mehrfach kommt er auf die „Faszination von Intellektuellen durch Gewalt“ zurück.

Den alten Staatsschützer Herold packt das Jagdfieber

Dem bemerkenswert intelligenten und belesenen Staatschützer Herold liefern Kraushaar und Reemtsma mehrfach die Stichworte. Da packt den Pensionär noch einmal das alte Jagdfieber – vor allem, wenn es gegen die „Sympathisanten“ geht. Deren Zahl veranschlagt Herold auf 100.000 Personen. Während Kraushaar diese Zahl für „übertrieben“ hält, legt Reemtsma dem agilen Ruheständler die Verurteilung der Kursbuch-Redaktion, die 1969 einen Kursbogen über die Tupamaros veröffentlicht hatte, regelrecht in den Mund: „Würden Sie das als sympathisierende Äußerung eines der wichtigsten intellektuellen Organe der damaligen Neuen Linken betrachten?“ Da kann der Staatschützer nur zustimmen, während er an anderer Stelle Reemtsmas Übereifer ein wenig dämpft. „Hass und auch Triumphalismus“ habe die RAF getrieben, findet Reemtsma – „meinen Sie nicht auch?“ Herold antwortet: „Vielleicht auch das. Ich meine nur, dass der Hass der RAF auch dann weiterlebte, als es für sie keine Triumphe mehr gab.“

Dass es sich bei politisch motiviertem Hass – auf den Imperialismus, den Kapitalismus, den bürgerlichen Staat und seine Büttel – um die Todsünde schlechthin handelt, bedarf für die Dreierrunde keiner Begründung mehr. Die Beflissenheit, mit der sich zwei ehemalige linke Staatsfeinde einem (pensionierten) hohen Repräsentanten der Staatsgewalt an den Hals werfen, wirkt vor allem lächerlich. Dass die beiden Sozialforscher dem lieben Herrn Herold nicht eine einzige Frage zu seiner Rolle im Krisenstab während der Schleyer-Entführung stellen, rundet das Bild ab.

Über die Motive dieser Versöhnungsoffensive soll hier nicht spekuliert werden. Diedrich Diederichsen kritisiert in seiner Rezension des Doppelbandes, heute hätten sich „alle derart in den Staat verliebt, dass die alte Gegnerschaft und ihre antiautoritären Motive völlig unverständlich geworden sind.“ (taz, 7.2.07) Kraushaar und Reemtsma tun alles, um die Frage nach diesen „antiautoritären Motiven“ gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Js.

Wolfgang Kraushaar (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus. Hamburger Edition 2006. Zwei Bände, 1.415 Seiten, 78 EUR

(Quelle:
http://www.akweb.de/ak_s/ak515/01.htm
)