Deutsches Kapital – kommt auch gut ohne kommunistische Unterstützung aus

Junge Welt 02.10.2007 / Feuilleton / Seite 12

Anderes Verhältnis

Auf einer Podiumsdiskussion zwischen Winfried Wolf und Jürgen Elsässer in Berlin blieben diverse nationale Fragen offen.

Von Matthias Becker

Wie hältst du’s mit der Na­tion? Am Wochenende stellte die DKP nahe Marx-Engels-Stiftung in Berlin der Linken eine Frage, die sie anscheinend für eine Gretchenfrage hält. »Das gebrochene oder ungeklärte Verhältnis zur eigenen Nation« sei eine »wichtige Ursache für die Schwäche der Linkskräfte in unserem Lande«, so die Einladung für die Konferenz »Die Linke und die Nation«, die im ND-Gebäude am Franz-Mehring-Platz stattfand.

Die Vorträge beschäftigten sich mit historischen und theoretischen Problemen wie der inter-nationalistischen Politik der KPD in der Weimarer Republik oder den Ideen Antonio Gramscis. Den Abschluß bildete eine Debatte zwischen Winfried Wolf und Jürgen Elsässer, beide Autoren dieser Zeitung.

Blieben da nationalen Fragen offen? Und wie! Die politischen Positionen der beiden Diskutanten haben sich im Lauf ihrer Leben gewaltig geändert, im Fall Elsässers geradezu umgekehrt. Heute will der einstige Begründer des antideutschen Lagers »das Europa der Vaterländer von links besetzen« und die nationale Souveränität gegen die Globalisierung verteidigen. Wolf dagegen glaubte Anfang der 1980er Jahre, die sogenannte Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten böte sozialistische Möglichkeiten. Für Elsässer sind die imperialistischen Ambitionen Deutschlands Mitte der 1990er an ihre Grenzen geraten und deshalb kein Problem mehr, während Wolf sie nach wie vor für gefährlich hält.

Offenbar ist das Verhältnis von Nationalstaaten, großen Wirtschaftsblöcken wie der EU und Weltmarkt seit 1989 ein anderes geworden. Wolf beschrieb die USA als wirtschaftlich längst ausgezehrt, ihre Macht stütze sich nur noch auf militärische Überlegenheit. In das weltpolitische Vakuum, daß durch den amerikanischen Abstieg entstehen wird, könnten andere imperialistische Mächte stoßen, wahrscheinlich die EU und / oder China. Nach wie vor seien die Konzerne an bestimmte Nationen gebunden, ein europäisches Kapital gerade im Entstehen.

Elsässers Version des Zustands des Imperialismus, die er übrigens auch in seinem aktuellen Buch »Angriff der Heuschrecken« darlegt, hat den Vorzug der Originalität: Heute regiere das Finanzkapital, für das nationale Grenzen nur noch hinderlich seien, die Welt. Ihm gehe es nicht darum, Arbeitskraft auszubeuten, im Gegensatz zu einer Reihe von Regierungen »zwischen Peking, Brasilia und Caracas«, die für ihn »progressive Staaten« darstellen. Kurz: der Hauptfeind steht nicht im eigenen Land, sondern auf der anderen Seite des Atlantiks.

Wie kann nun »die Linke« an Einfluß gewinnen? Elsässer empfiehlt ihr Populismus, spricht von »Inländerfeindschaft« und propagiert einen »Antiamerikanismus ohne Hemmungen«. Vielleicht hört ja wirklich der eine oder andere Vertreter der herrschenden Klasse in Deutschland die Botschaft mit Wohlwollen und bietet den Finanzkapitalisten aus Übersee die Stirn. Das wäre dann eine erfolgreiche Politikberatung. Insgesamt aber dürfte das deutsche Kapital bei der Durchsetzung seiner Interessen gut ohne kommunistische Unterstützung auskommen.

(Quelle:
http://www.jungewelt.de/2007/10-02/015.php
)

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