Widerstand und Integration in der Wohnungspolitik: Bericht von einer Podiumsdiskussion in Hamburg

28.09.07

Gestern Abend fand im Rahmen des Trimesters an der HfbK Hamburg eine Podiumsdiskussion über Gentrification und mögliche Gegenwirkungsmöglichkeiten statt. Geladene Gäste waren Andrej Holm, zwei Menschen vom Programm LIGNA vom Freien Sender Kombinat und eine Vertreterin der IAA, internationale Abriss Ausstellung, die künstlerische Alternative zur IBA.

Die Podiumsdiskussion, welche auch live im Radio FSK übertragen wurde, war gut besucht, kaum ein Platz blieb frei. Ob dies am Thema oder an den geladenen Gästen lag war bis zum Schluss zwar nicht eindeutig absehbar, jedoch schien es nicht ein gewisser Paragraph zu sein, der die Leute anzog, da dieser, ausser indirekt in Anspielungen von Andrej Holm, nicht erwähnt wurde.

Nachdem aufgrund der Größe des Publikums auf eine Vorstellungsrunde verzichtet wurde (Abstimmungsergebniss war: 1 Gegenstimme, 2 Enthaltungen) begann die Moderation die Sichtweise der HfbK-Aktiven zu erklären, indem sie darstellte, dass sich Kunst und Aktion nicht nur auf die Hochschule und hochschulpolitische Themen beschränken darf, sondern darüber hinaus auch allgemeinere Themen aufgreifen muss, will sie politisch werden und die Grenze zwischen Kunst und Politik, zwischen Mensch und Aktivist einreißen.

Anschließend übergab sie das Wort an Andrej Holm, der in einem Kurzrefferat das Phänomen der Gentrification versuchte näher zu beschreiben und zu erläutern, anschließend Beispiele aus dem Kampf dagegen aus Berlin gab und besonders auf die Kampagne „Wir bleiben Alle!“ einging. Anhand dieser Kampagne versuchte er, allgemeine Handlungsstrategien für soziale Bewegungen gegen diese vom Staat forcierte Aufwertungs- und Vertreibungspolitik heraus zu lesen und betonte, dass ohne eine Breitenmobilisierung, in der auch mal politisch-ideologisch eingesteckt werden müsse, der Kampf nicht zu gewinnen sei.

Nach einer anschließenden Fragerunde wurde dann das Wort an die Vertreter von LIGNA übergeben, die, ebenfalls gegen Gentrification arbeitend, allerdings eine Zusammenarbeit mit der IBA (Internationale Bauausstellung) eingegangen sind, welche Hauptvorantreiber der Gentrifizierung im Stadtteil Willhelmsburg ist. Diese hatte einen „Sommer der Kultur“ für Willhelmsburg ausgerufen und 20 Projektfinanzierungen ausgeschrieben – LIGNA bewarb sich und bekam den Zuschlag.

Nun ist LIGNA allerdings nicht irgendeine Radiogruppe, sondern bekannt geworden durch Radioballets und andere experimentelle, aber auch politische Formen der Radionutzung. Sie wollen mit ihrem Projekt die Diskussion über die Gentrifizierung des Stadtteils genau dort rein tragen und so quasi die von der IBA auszuschüttenden 20.000 Euro nutzen, um gegen die Gentrifizierung zu arbeiten.

Ob sie damit der Bewegung allerdings nicht eher einen Bärendienst erweisen war nicht nur die Publikumsfrage, auch sie sahen selbstkritisch ein, so die IBA teilweise mit zu stützen und z.B. ihr Logo nun in einem eigentlich linken Radioprogramm-Blatt, dem Transmitter, stehen zu haben. Die IBA wird so noch gesellschaftsfähiger gemacht – zumal die IBA auch gut mit Kritik leben kann und will, ähnlich vielleicht der allgemeinen politischen Handlungsideologie der parlamentarischen Demokratie: Protest und Diskussion ja, Widerstand nein.

Leider versteifte sich die Diskussion im Anschluss daran, polemische Vorwürfe an die Mitarbeiter von LIGNA zu stellen und so wurde das eigentliche Diskussionsziel aus den Augen verloren. Auch die Vorstellung der IAA, welche noch bis zum 30.09. in einem zum Abriss freigegebenen Fabrikgebäude in Willhelmsburg stattfindet und in dem bis dahin KünstlerInnen der HfbK Platz für unkonventionelle Ausstellungen hatten, geriet ein wenig in den Hintergrund, da lieber über Finanzierung von Projekten diskuttiert wurde und dass mensch das Geld der IBA nicht hätte annehmen dürfen, bzw. wie sich die Abrissausstellung alternativ dazu finanziert. (Stichwort Selbstausbeutung – DIY)

Alles in allem blieb aber der fade Geschmack, dass die Gentrifizierung in Willhelmsburg in vollem Gang ist und auch dieser Abend noch keine befriedigende Lösungsstrategie gefunden hat, wie dem entgegengewirkt werden kann. Für Staatsschützer war es eine gute Gelegenheit, mal ein wenig akademische Luft zu schnuppern und so vielleicht zu lernen, dass in soziologischen Diskursen das Wort Gentrification inzwischen geläufig ist.

(Quelle:
http://www.uebergebuehr.de/de/aktuell/news/meldung/ansicht/2007/09/podiumsdiskussion-ueber-gentrification-an-hfbk/
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