Zum 18.10.1977

Die etwas andere Literatur

MMM 11.09.2007 – 21:37

Zum Thema hier noch ne Literarische Ergänzung, die Sinn macht. Vielleicht verstehen dann ein paar Leute mehr, wie elend es ist die eigene Geschichte in den Mülleimer werfen zu wollen.

Stammheimer Dialog

Da, eine Pistole!
Was?
Eine Pistole.
Wo kommt denn die Pistole im bestbewachten Gefängnis Europas her?

Die Anwälte gefilzt bis unter die Unterhose.
Ins Arschloch starrte der Rechtsstaat den Terroristen.
Was suchte er denn da? Was meinte der Rechtsstaat zu finden im Arschloch der Terroristen, in Unterhosen und Aktentaschen der Anwälte?
Die Menschenwürde? Das Recht auf einen fairen Prozess? Reste der alten Strafprozessordnung? Ein Klavier? Eine Pistole?
Eine Pistole.

Da, noch eine Pistole.
Was?
Noch eine Pistole.
Wo kommen denn die Pistolen im bestbewachten Gefängnis Europas her?

Gefährliche Terroristen?
Die gefährlichsten Terroristen.
Ihre Haltung gegenüber der Polizei?
Sie hatten gesagt: auf Bullen schießt man sofort. Heißt es.
Mit den Pistolen?
Welchen Pistolen?
Na, diesen hier, gefunden danach, im bestbewachten Gefängnis Europas.
Mit denen? Nein.

Da hundertsiebzig Gramm Sprengstoff!
Was?
Sprengstoff.
Wie kommt denn der Sprengstoff hierher?

Da, nochmal vierhundert Gramm Sprengstoff
Was?
Eine Menge Sprengstoff.
Ja wo kommt denn der ganze Sprengstoff her im bestbewachten Gefängnis der freiheitlichsten Ordnung, die wir je besaßen auf deutschem Boden?

Da, ein Radio ! Und ein raffiniertes Kommunikationssystem.
Zwei Pistolen, eine Menge Sprengstoff, ein Radio, ein raffiniertes Kommunikationssystem während der Kontaktsperre im bestbewachten Gefängnis Europas ?

Die Anwälte: gefilzt. Die Mütter: gefilzt. Die Väter: gefilzt. Die Schwestern und Brüder: gefilzt.

Da, eine dritte Pistole!
Was?
eine dritte Pistole.

Das waren Terroristen?
Die allergefährlichsten Terroristen, nicht aus den Augen zu lassen, nicht herzugeben gegen ein ganzes Flugzeug voller Menschen, einen Präsidenten gar der Arbeitgeberverbände.
Drei Pistolen, eine menge Sprengstoff, ein raffiniertes Kommunikationssystem – da war wohl allerhand los hier, im bestbewachten Gefängnis Europas?

Nichts war da los.

Nichts war da los? Nicht mal ein kleines Massaker unter den hiesigen, selbstlos ihren Dienst versehenden Beamten?
Nichts dergleichen.
Das waren wirklich die gefährlichsten Terroristen?
Und ob!

In die Schläfe?
In die eigene Schläfe geschossen.
Sauber getroffen?
Nicht ganz. Er starb später.
Schmauchspuren an der Hand, Fingerabdrücke auf der Waffe?
Keine Fingerabdrücke.
Keine?

In den Nacken?
In den eigenen Nacken?
Und abgedrückt? Wie?
Abgedrückt dreimal.
Sauber getroffen?
Sauber getroffen.
Kunstschütze, wie?

Schmauchspuren an der Hand, Fingerabdrücke an der Waffe?
Keine Fingerabdrücke, Schmauchspuren an der Rechten, der Schütze war Linkshänder.
Ganz schön perfide, der Bursche.

Am Fensterkreuz?
Am Fensterkreuz.
Wie im Mai?
Wie damals im Mai.
Davon hat man schon gehört. Anschlusstäter.

In die Brust gestochen?
In die eigene Brust.
Mit einem Rasiermesser?
Mit einem Brotmesser mit runder Spitze.
Überlebt?
Überlebt.
Selbstmordversuch mit Stichen durch ein stumpfes Messer in die eigene Brust?
Sie sagt: nein. Sie sagt: da war ein Gas.
Ein Gas?

Drei Pistolen, ein Radio, ein Messer, ein funktionierendes Kommunikationssystem und fünfhundertachzig Gramm Sprengstoff, und das alles fiel den Spezialkräften vom Bundeskriminalamt, die die Zelle direkt nach der Entführung filzten, einundzwanzig Mann, nicht auf?
Die hatten nichts gefunden.
Die müssen noch viel lernen.
Terroristen?
Terroristen.
Gefährlich Terroristen?
Brandgefährliche.
Vor und nach jedem Besuch gefilzt?
Nicht nach jedem. Zuletzt waren Herren da, vom Landeskriminalamt, vom Bundeskriminalamt, von der Generalbundesanwaltschaft und vom Bundeskanzleramt.
Gefilzt ?
Natürlich nicht.

Und den Herren geschah nichts? Keine Geiselnahme, kein mittleres Massaker?
Nichts. Überhaupt nichts.
Und das waren echte Terroristen?
Die allergefährlichsten aller Terroristen!

Der Wärter in seiner gläsernen Kanzel auf dem Gang?
Zufällig während dieser Nacht nicht da. Nach hinten gegangen, geschlafen, nichts gehört.
Die Fernsehkamera, das elektronische Überwachungssystem?
Zufällig in dieser Nacht defekt.

Der Treppenaufgang zum Trakt?
Zufällig erst später entdeckt.
Die Pistolenmunition?
Aus Beständen der Polizei Rheinland-Pfalz. Entwendet, natürlich.
Und der Sand?

Was für ein Sand?
Sand am Schuh.
An was für einem Schuh?
An Baaders Schuh.
An Baaders Schuh ? Die Freistunde fand immer statt, streng bewacht, auf dem Dach des am besten bewachten Gefängnisses Europas. Auf dem Dach gibt es keinen Sand. Wie kommt der Sand an dem Schuh in die Zelle im bestbewachten Gefängnis Europas?
Das wird wohl Flugsand sein.

Sand am Schuh, Pistolen, Sprengstoff, ein Kommunikationssystem, das war ja eine seltsame Gesellschaft.
Waren Terroristen.
Waren Terroristen, fürwahr.
Untersuchen Kommissionen den Fall?
Was für Kommissionen?
Rockefeller- oder Churchkommissionen.
Die brauchen wir nicht. Wir haben Späthzünder. Und natürlich unsere Presse.
Nachrichtensperre.
Nicht nötig.

Peter Paul Zahl 1977

Quelle:
Stammheimer Dialog
zitiert aus „Der Staat ist eine mündelsichere Kapitalanlage“
Hetze und Aufsätze 1967 – 1989
Autor: Peter Paul Zahl

erschienen 1989 im Karin Kramer Verlag, Berlin – ISBN 3-87956-203-2

Biografische/historische Notiz zu Peter-Paul Zahl: geboren 1944 in Freiburg, geht nach Beendigung seiner Druckerlehre im Rheinland als Wehrdienstverweigerer nach Berlin und engagiert sich dort in der Neuen Linken. 1966 wird er Mitglied in der Gruppe 61. 1967 gründet er in Berlin den Verlag Peter Paul Zahl und verlegt dort u.a. die Literaturzeitschrift „Spartacus“, „zwerg-schul-ergänzungsheft“, sowie die Reihe „p.p.quadrat“. 1970 wird PPZ aufgrund des Plakates „Freiheit für alle Gefangenen“ zu einem halben Jahr Freiheitsstrafe verurteilt.
Ende 1972 kommt es bei einer Personenkontrolle zu einem Schußwechsel zwischen PPZ und zwei Polizisten, wobei einer der Polizisten sowie PPZ angeschossen werden. 1974 wird PPZ dafür zu vier Jahren, 1976 bei einem Revisionsverfahren durch die Staatsanwaltschaft zu insgesamt fünfzehn Jahren Haft verurteilt. Daraufhin gründet sich die Initiativ Gruppe Peter Paul Zahl, die Dokumentationen über den Fall PPZ heraus gibt und sich für die Wiederaufnahme des Strafprozesses einsetzt.
Aus der Haft heraus veröffentlicht Zahl mehrere Romane, Aufsätze, Essays und Gedichte und erhält Anfang 1980 für seinen Roman „Die Glücklichen“ den Literaturförderpreis der freien Hansestadt Bremen. Noch im gleichen Jahr wird PPZ nach langjährigen Wunsch hin aus der JVA Werl in die JVA Tegel/Berlin verlegt und fängt dort bald als Freigänger ein Volontariat bei der Schaubühne Berlin an. 1982 wird PPZ nach zehn Jahren Haft entlassen.
Nach einigen Reisen, u.a. nach Spanien, Italien und in die Karibik geht PPZ 1985 nach Jamaika, wo er heute noch lebt und schreibt.

PPZ-Link: http://www.iisg.nl/~id/Sammlungen/zahl.html

(Quelle:
http://de.indymedia.org/2007/09/193943.shtml?c=on#comments2
;
unter „Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen“)

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