Ein musikalischer Blick auf den „Deutschen Herbst“


Herbstmelodien

Wie die Geschehnisse im Herbst 1977 sich auf die Musik und das Lebensgefühl der danachfolgenden Generationen auswirkte.

»Es ist ein langer Weg, er ist noch nicht zu Ende, auch wenn es mancher hofft.«

„Der lange Weg nach Derendorf „- Das ist ein Song aus dem Jahr 1978 von der 70er Punkband Mittagspause. Darin geht es um den Tod des RAF-Kämpfers Willy-Peter Stoll, der im September 1978 bei einem Essen in einem China-Restaurant im Düsseldorfer Stadtteil Derendorf erschossen wurde. Dieses Lied stellte als eines der ersten nach der von Ton Steine Scherben angeführten Politrock-Ära einen Zusammenhang zwischen der RAF als Teil der politischen Bewegung und der Subkultur der damaligen Zeit her.

„Punk als die Gegenkultur nach Schleyer und Stammheim, nach Mescalero und Kontaktsperre, Punk als die Gegenkultur in einem > wie man damals sagte < vollständig faschisierten Staat“

(D.Diedrichsen) war Ausdruck einer neuen Zeit. Ausser Punkrockbands wie Abwärts („Computerstaat“) setzten sich auch Post (bzw. Art)-Punkbands wie SYPH und Materialschlacht mit bis dahin ungewohnten („revolutionären“) musikalischen Mitteln mit der Ungeheuerlichkeiten der damaligen Realität auseinander.
Diese neue musikalische Sprache prallte

„das festgefahrene gesellschaftliche System der BRD, die politische Hysterie – Stichwort RAF und DDR – , die jeden abweichenden Gedanken mit Sympathisant!, Kommunist! und “geh doch nach drüben” quittierte, also kaum einen Fortschritt gegenüber 1968 zeigte(…) die sozialdemokratische und auch sonstige linke Spießigkeit, die ebenfalls keinen Freiraum für neue Gedanken lies und nur auf Machterhalt fixiert war, dazu das vom Friedensnobelpreisträger Willi Brandt abgesegnete Damoklesschwert Berufsverbote, daß über jeglicher linker politischer Betätigung junger Menschen hing zu einer Zeit, als ein Job beim Staat als erstrebenswert galt, der kann nachvollziehen, auf welches Frustrationspotential und damit Chancen die Idee PUNK in der BRD stieß, und welche Hoffnungen viele damit verbunden haben….“(m.fuchs)

Das Stück „Pure Freude“ heißt auf der EP übrigens „Klammheimlich“ und zeigt, dass S.Y.P.H. die Band war, die sich am explizitesten aller frühen deutschen Punkband auf den deutschen Herbst, die Konfrontation zwischen Staat und RAF, auf Stammheim und den Anspruch beider Seiten, dass wer nicht für sie sei ihr Feind sei, reagierte. So zeigt das Cover zwei Bildikonen aus dieser Zeit, auf der Vorderseite ein Tatortfoto von dem Kinderwagen, den die RAF bei der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer zum Stoppen seines Autos und zum Waffentransport verwendete, auf der Rückseite ein Foto eines Hubschrauber-Passagiers für einen Rundflug über Karlsruhe, der später als der gesuchte Terrorist Christian Klar identifiziert wurde, offenbar auf dem Weg Angriffsziele wie Gerichte und Staatsanwaltschaften auszukundschaften. Harry Rag beschreibt auf der S.Y.P.H.-Webseite wie sie damals 8 Wochen lang versuchten eine Druckerei für das Cover zu finden, aber keine fanden, obwohl die Bilder schon in Spiegel, Stern und sonst wo zu sehen waren. Schließlich legte die Band das Cover auf einen Fotokopierer und heftete die beiden Blätter zusammen. Irgendwann danach muß der Gitarrist Uwe Jahnke kalte Füße bekommen haben, denn sein Nachnahme ist auf dem Cover mit Edding ausgestrichen, ebenso ist auf dem Beiblatt aus der christian-na-klar-produktion eine xxxxxxxx-na-klar-produktion geworden und das Foto von Klar wurde durch 2 Eddingstriche unkenntlich gemacht. staatsmeinungsfetzen aus tagesschau & anderen pseudoobjektiven kommentaren werden aneinandermontiert. ebenfalls gespenstisch wie man das aus der distanz wahrnimmt: schleyer-entführung durch das hausner-kommando/forderung nach todesstrafe/abschaffung der zwangsernährung/erschießung von raf-geiseln/mogadischo/baader-enssin-raspe-selbstmord (oder „selbstmord“?) & was sonst noch alles an hysterischen überreaktionen passiert ist. 4 vokabeln werden von syph in die montage eingeblendet: heldentum, eigentum, eigenheim, stammheim!

Tote in Gefängnissen, Polizeikontrollen an jeder Autobahnausfahrt und Strassenecke, Kill- und Computerfahndung prägten das neue Bild der BRD weit über das Politische hinaus, so dass es auch in den Nachbarstaaten wahrgenommen wurde. Brian Eno und Snatch setzten in England O-Tonschnipsel zu einem musikalisch dichten Stück zusammen, was auf die obskuren Menschenjagden der 70er einging. Im Punk und den weiteren musikalischen Umbrüchen der End-70er spiegelte sich die damals noch szenebestimmende Feindschaft gegenüber dem Rechts-Staat und seiner Organe wieder. Diese Staatsfeindschaft baut aber auf der in den emanzipatorischen, antiautoritären Bewegungen gemachten Erfahrung auf, dass eine bessere Organisation des Lebens möglich ist, eine Alternative zur BRD.Dies zeigte sich u.a. in der HausbesetzerInnen- und TUWAT-Bewegung der 80er. Im Gegensatz zur herrschenden Geschichtsschreibung über den „Deutschen Herbst ’77“ (wie sie auch gerne von Grünen-Gründern und TAZ-Pionieren dargestellt wird) waren Schleyer-Entführung und die „geselbstmordeten“(Die goldenen Zitronen – 6 gegen 60 Millionen) Gefangenen kein Ende der Geschichte der linksradikalen Bewegung , sondern Anfang einer neuen Etappe.

Andere in den Anfangs80ern bekannt gewordene Bands, wie Der Plan, DAF, FM Einheit (Einstürzende Neubauten), die in ihren Anfangsjahren kaum bis gar nicht mit Songs zur politischen Bewegung auffielen, setzen sich erst in den letzen Jahren mit der RAF auseinander. Gerade das aus O-Tonschnipseln und Industrial-Sounds zusammengesetzte „Ulrike Meinhof, Paradise“ zeigt wie intensiv und prägend die Künstler Andreas Ammer und FM Einheit die Geschichte der RAF empfunden haben müssen. Ein Mensch, der die Zeit nicht miterlebt hat, könnte das (scheinbar) massig vorhanden Archivmaterial kaum so treffend zusammensetzen. Auch an DAF und dem 2002er (!!!) Song „Kinderzimmer“ ist spürbar wie tief die Guerilla in die damalige Gesellschaft vorgedrungen ist.

…in meinem schönen kinderzimmer – damals noch im ruhrgebiet – herrschte immer die guerilla – guerilla ist der kleine krieg – ulrike meinhof war für mich – als kind ein echter superstar – an meinem heldenfirmament – mit valentina tereschkova, emma peel und raquel welch – in meinem schönen kinderzimmer – damals noch im ruhrgebiet – herrschte immer die guerilla (DAF-“Kinderzimmer“)

Die Kraft dieser Stücke geht dabei von der subjektiven Beschreibung der gesellschaftlichen Zustände aus, nicht von Indentifikation mit der Guerilla bzw. der (mit ihr) solidarisch verbundenen linken Bewegung, wie zu Zeiten von Ton Stein Scherben, die sich schon Mitte der 70er aus den Städten und den Kämpfen zurückzogen.

Bands, die ihre produktivsten Phasen Ende der 80er, Anfang der 90er hatten, wie Chumbawamba und Die goldenen Zitronen sahen sich wieder mehr als Teil der Bewegung und die RAF auch als Teil ihrer Geschichte, was bei dem Song „6 gegen 60 Millionen“ von den „Zitronen“ am klarsten hervorsticht. Mit dem, seit dem Beginn der 90er und dem damit einhergehenden Siegesgetöse der Kapitalisten gewachsenen Abstand wurde nun auch Kritik an den „im System angekommenen“ verbürgerlichten Ex-Revolutionäre klar formuliert:

„Sie hatten Angst vor der Konsequenz ihres eigenen Geredes, vor diesem und jenem und sonst noch was. Zum Beispiel ihrem Gerede von Revolution. Viel später zeigte sich, wie unnötig dies ganze Aufsehen doch war. Nichts weiter als 60 gegen 60 Millionen. Ein Teil von Geschichte, ein paar explosionen. Spektakuläre Fotos, ein zerfetzter Schleyer, ein prickelndes Spektakel und ein Volk auf der Jagd.“

oder auch:

„…die anderen schauen strickt nach vorn und achten tunlichts drauf nie wieder auf Seiten der Verlierer zu sein. Kein grund zur Angst vor der eigenen Geschichte, ist nur Geschichte und macht sich gut. Macht sich prächtig, ganz ausgezeichnet in jedem Lebenslauf. Wirklich kein Grund zur Angst.“(Die goldenen Zitronen – „6 gegen 60 Millionen“)

Auch von anderen Punkbands und HipHop Leuten gab es in den 90ern bis heute immer wieder Songs, die sich auf die RAF beziehen. Da geht es von Heldenverehrung (Wizo-“RAF“) bis zur konkreten Auseinandersetzungen mit dem Tod von Wolfgang Grams am 27.06.1993(Wizo-“Kopfschuss“, Dritte Wahl- „Bad K.“, Krombacher MC-“Manipulierte Informationen“ usw. – siehe http://badkleinen.sooderso.net/texte/musik.htm)

Wichtig ist, dass alle diese Umgangsweisen mit der Geschichte des bewaffneten Widerstands ihre Berechtigung haben und zeigt wie wichtig und notwendig es auch für die Bewusstseinsbildung der Subkulturen ist, dass sich MusikerInnen mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen. Es bleiben Tondokumente, die diese Geschichte spürbar und (vielleicht auch) nachvollziehbar machen.

Um die kulturelle Verankerung und den Einfluss der RAF auf die Subkulturen, nicht nur in der damaligen BRD hör- und spürbar zu machen, habe ich euch 70min. Songs und Toncollagen zusammengestellt.

BaaderMeinhofMuzak – Songs und Toncollagen zur Rote Armee Fraktion (RAF):

http://meckiemessermuzak.blogsport.de/2007/10/10/baader-meinhof-muzak/

BONUSTRACKS zum Text:

Mittagspause – Der Lange Weg nach Derendorf.mp3
http://rapidshare.com/files/63611091/mittagspause_08_der_lange_weg_nach_derendorf.mp3
Die Goldenen Zitronen – 6 gegen 60 Millionen.mp3
http://rapidshare.com/files/63610909/Die_goldenen_Zitronen_-_6_gegen_60_Millionen.mp3
Slime – Gerechtigkeit.mp3
http://rapidshare.com/files/64356595/Slime_-_Gerechtigkeit.mp3
WIZO – RAF.mp3
http://rapidshare.com/files/64356332/WIZO_-_RAF.mp3

…und zur Erinnerung an einen weiteren „Geselbstmordeten“:
WIZO – Kopfschuss.mp3
http://rapidshare.com/files/64355714/WIZO_-_Kopfschuss.mp3
Krombacher MC – Manipulierte Informationen.mp3
http://rapidshare.com/files/64356100/Krombacher_MC_-_Manipulierte_Informationen.mp3

Dritte Wahl – Bad K..mp3
http://rapidshare.com/files/64355393/Dritte_Wahl_-_Bad_K..mp3

Dazu gehörende Informationen zum Tod von Wolfgang Grams:
http://www.nadir.org/nadir/archiv/Repression/bad_kleinen/)


ANDERSLAUTERN – Schwerpunkt: Artikel und Dokumente gegen die herrschende Geschichtsschreibung zu ´77:

http://www.anderslautern.de/index.php?id=447

Autor: MeckieMesserMuzak (DJ, http://meckiemessermuzak.blogsport.de/)

Anmerkung delete129a:
Eingerückter Text ist im Original kursiv.
Vgl. http://meckiemessermuzak.blogsport.de/2007/10/19/herbstmelodien-77/ (dort bebildert)

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Diesen Beitrag bei social bookmarking-Diensten verlinken:

del.icio.us LinkARENA Lufee Lesezeichen bei Mr.Wong setzenMr. Wong
Auf oneview speichernoneview — WebnewsWebnews — WikioLesezeichen bei Yigg setzenyigg it

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------