Interview mit Christian Klar


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1 Antwort auf „Interview mit Christian Klar“


  1. 1 Christian Klar 21. Dezember 2007 um 23:41 Uhr

    Ich bin nicht bereit, die RAF als Kriminalfall zu besprechen

    IM GESPRÄCH: Das ehemalige RAF-Mitglied Christian Klar

    Vor einer Woche wurde bekannt, dass die Bundesanwaltschaft Beugehaft für vier ehemalige RAF-Mitglieder beantragt hat, um den Hergang des Mordes an Siegfried Buback 1977 zu klären.

    Einer der vier ist Christian Klar, für den nach 25 Jahren Haft im kommenden Jahr der Übergang in den offenen Vollzug vorgesehen ist. Eine Freilassung Klars wird frühestens 2009 möglich, wenn die wegen besonderer Schwere der Schuld auf 26 Jahre festgelegte Mindestverbüßungszeit vorüber ist. Dass Klar danach den ihm offerierten Praktikumsplatz am Berliner Ensemble antreten kann, hält der baden-württembergische Justizminister Ulrich Goll (FDP) „für keine gute Idee“.

    Im Gespräch mit dem Freitag, das in der JVA Bruchsal geführt wurde, äußert sich Klar nun zum ersten Mal seit dem Fernsehinterview von Günter Gaus im Jahr 2001.

    FREITAG: Sie sind jetzt 55 Jahre alt und haben ein halbes Leben im Vollzug verbracht. Welche Erinnerungen an Kindheit und Jugend sind Ihnen wichtig geblieben?

    CHRISTIAN KLAR: Da unten aus dem Dreiländereck sind Erinnerungen an ein paar Freundschaften geblieben und an die Berührung mit einem anderen Milieu, mit Leuten aus lohnabhängigen Familien. Ein Schulfreund brachte mich darauf, über Arbeiterselbstverwaltung nachzudenken, über politische Ideen, die in der Zeit kursiert sind. Das hat mich sehr interessiert.

    Was hat Sie zu den Arbeitern hingezogen?

    Verstanden habe ich das erst sehr viel später. Es ist diese emotionale Ehrlichkeit gewesen, die mich angesprochen und sofort interessiert hat. Einfach die direkte Art, miteinander umzugehen, auch die Sexualität, sehr viel offener, freizügiger, selbstverständlicher. In dem Alter spielt das ja auch eine Rolle, die ersten Erfahrungen machen mit Mädchen und in den Cliquen. Aber insgesamt war es die Art des Umgangs, die Ehrlichkeit, wenn du jemanden nicht magst, wird´s ihm gezeigt, wenn du jemanden magst, wird, wird´s ihm gezeigt. Keine Höflichkeit, Regeln oder sonst irgendwas. Das ist eigentlich der Ursprung gewesen. Und dazu kam politischer Durchblick ins Spiel.

    Hat Sie die 68er-Bewegung tangiert? Sie waren damals noch in der Schule.

    Ja, klar, im Alltäglichen. Eben als eine Zeit, in der Zwänge leichter abzuschütteln waren, Offenheit dafür, das Leben zu entdecken, sich das auch zuzutrauen, bestimmte Konflikte auszutragen. Zum Teil fand das im Rahmen der Schule statt. Die internationale Musik und andere kulturell provokative Dinge haben Wellen geschlagen. Aber die Schulzeit ist für mich nicht so interessant, eine Erinnerung hauptsächlich an ein Gebäude, einen Kasten. Für diese Form des Lernens habe ich nie Verständnis gefunden.

    Sie sagen, Sie hätten nicht studiert. In anderen Berichten steht, dass Sie Philosophie in Heidelberg studiert haben.

    Ja, ich war eingeschrieben. Ich glaube, sogar in beiden Fächern, Philosophie und Geschichte. Mich hat das erst mal auch tatsächlich interessiert. Es ist eine Übergangszeit gewesen, wo schon Gedanken da waren, organisiert politisch aktiv zu werden. Es ging auch um einen Schutz in der Frage, was wird nach dem Ende der Schule. Und um den Freiraum offen zu halten, war es das Einfachste gewesen, sich einzuschreiben, und dann ist man Student gewesen. Real hat es nicht sehr lange vorgehalten. Ich bin ein paar Mal hingegangen, habe auch die Bibliothek benutzt, war aber desillusioniert von Nährwert und Zurichtung sozusagen. Das Elfenbeinturmmäßige habe ich als so krass empfunden, dass ich keine Energie gehabt habe, das fortzusetzen.

    Hatten Sie nie den Wunsch, nach Frankfurt zu gehen, ans Institut von Adorno und Marcuse?

    Die Namen waren mir gar kein Begriff. So weit war ich zu der Zeit theoretisch noch nicht vorgedrungen. Die Universität hat aber noch weiter eine Rolle gespielt. Denn politisch aktive Gruppen hatten sich öfter kurzerhand Räume der Universität geschnappt, sie genutzt und ein bisschen in Besitz genommen. Dadurch hat sich ein Teil meines Lebens noch in Universitätsräumen abgespielt. Das war nicht begrenzt auf Studenten. Leute aus Jugendzentren, Straßenbewegungen, verschiedenen Mobilisierungen haben sich dort zusammengefunden. Es ging um Diskussionen zu wirtschaftlichen Themen, Proteste zum öffentlichen Nahverkehr. Dort wurden Demonstrationen vorbereitet und ähnliches. Das bot auch einen gewissen Schutz. Damals war es eine recht hohe Hürde, ehe die Universität die Polizei reingelassen hat.

    Politische Ereignisse, die Sie bedrängt, möglicherweise umgewandelt haben – was würden Sie da nennen?

    Ich habe mich in den Jahren gar nicht bedrängt gefühlt. Die Haupterinnerung ist, dass ich mich beflügelt gefühlt habe. Weil im Vordergrund die Mobilisierungsfähigkeit gestanden hat, die Horizonte, die sich geöffnet haben. Später ist der Satz umgegangen, ein Ausspruch von Sartre, dass der Vietnamkrieg den Bereich des Möglichen erweitert hat. Das ist der wichtigste Satz, der über diese Zeit existiert. Da ist sehr kurz erfasst, warum es in dieser Zeit revolutionäre Aufbrüche gegeben hat. Das ist nicht die ausgebrütete Idee von Minderheiten gewesen, sondern es ist eine gesellschaftliche Situation gewesen, wo sich tatsächlich Perspektiven geöffnet haben. Und der Angelpunkt ist dafür gewesen, dass die imperialistische Hauptmacht USA mit dem Krieg, den sie in Vietnam geführt hat, in Bedrängnis war. Dass ein kleines Land widerstand, und zwar mit der politischen Ausrichtung, die sich an die sozialistische Weltbewegung anlehnte. Das ist was sehr Beflügelndes gewesen.

    Eine einzelne Demonstration konnte über sich selbst hinausweisen. Ist das später Motiv gewesen, zu handeln?

    Ja. Ich erinnere mich an eine Demonstration in Stuttgart mit 19.000 Teilnehmern. Es ging um Bildungspolitik, die ja von den Studenten zu der Zeit fortschrittlich eingefordert worden ist; dass die Universitäten für Arbeiterjugend, für andere Inhalte geöffnet werden, und dass die Wissenschaftshierarchien anzugreifen seien. Aber das Beflügeltsein muss man verstehen, um zu begreifen, warum Menschen sich doch viel vornehmen konnten. Mit den gestatteten Kampfformen zu brechen, im weiteren Sinn auch mit Lebensformen zu brechen, mit der Legalität zu brechen, drückt ja aus, wie Menschen sich sehr viel vornehmen.

    Was bedrängte?

    Was bedrängte, kam später und hat natürlich mit deutscher Geschichte zu tun. Ich habe mich in einem Umfeld befunden, wo es niemanden gab, der die Zeit des deutschen Faschismus hätte zudeckeln wollen. Im Gegenteil, dafür interessierte sich jeder. Wir haben dagesessen und uns zum Teil ganz gezielt informiert. Was der Zweite Weltkrieg gewesen ist und der deutsche Faschismus. Und dass es ein aktueller Konflikt war, merkte man schnell. Wegen der aggressiven Mentalitäten gegen ein freies Aufwachsen, die überdauert hatten. Und weil die Bundesrepublik natürlich viele Gründe hatte, diese Geschichte entweder überhaupt nicht zu behandeln oder zu fälschen, die tatsächliche deutsche Geschichte nicht zur Sprache kommen zu lassen. Dadurch haben sich schnell Konflikte ergeben, in den Lehreinrichtungen, in der Schule, den Universitäten, aber natürlich auch in der Politik.

    Der Sieg des vietnamesischen Volkes wurde in der Bundesrepubpik nicht als solcher wahrgenommen. Chile 1973 war eine Niederlage, die staatlicherseits mehr oder minder gefeiert wurde.

    Der Vietnamkrieg war zu dem Zeitpunkt noch kein Sieg. Es war zunächst ein beispielhafter Befreiungskampf. Die Entschlossenheit, der Geschichte diese Richtung geben zu wollen. Darüber ist ja sofort in den Koordinaten des Kalten Kriegs diskutiert und natürlich auch intensiv berichtet worden. Es ist für die Vietnamesen ein furchtbar opferreicher Kampf gewesen, ein Krieg, der im westlichen Selbstverständnis so viel Missachtung eines Dritte-Welt-Landes gezeigt hat. Man muss sich das wieder vergegenwärtigen. Auf dieses kleine Land wurde abgeworfen, was die Arsenale hergeben, endlose Tonnen von Sprengstoff, andere Arten von Kampfstoffen, mit denen für Generationen ein ganzes Land ohne Bedenken vergiftet wurde. Wenn darüber gesprochen wurde, dass 50.000 gefallene Soldaten der reichen US-Gesellschaft zählen, und der Verlust von zwei Millionen Vietnamesen zählt nicht, dann zwang das, darauf eine Antwort zu geben, sich zu entscheiden. Da konnte man nur Partei ergreifen für die Menschen, die angeblich nicht zählen. Auch wenn der Vietnamkrieg etwas sehr Mobilisierendes, Ermutigendes war, in dem Punkt war er etwas sehr Ernstes und Grundsätzliches. Man lernte die moderne Menschenverachtung von Kolonialherren kennen.

    Die Verwundbarkeit des US-Systems.

    Das ist dann dabei herausgekommen, die Krisenanfälligkeit dieses reichen westlichen Blocks hat sich angedeutet. Parallel haben ja noch andere Befreiungskämpfe stattgefunden, in Afrika, in Lateinamerika, manche Aufstände, die dann mit Hilfe von Militär-Juntas wieder beendet worden sind, wo dann Chile auch ins Spiel kommt, der Sturz der Allende-Regierung…

    … einer demokratisch legitimierten linken Regierung.

    In Chile entstand über die Wahlprozesse die Volksfront-Regierung, die sehr populär gewesen ist. Das hat mit ganz großer Geschwindigkeit Eingang gefunden in die Diskussionen hier in Europa. Und dann ist der Putsch gekommen, der schon als Ereignis selber eine ganz ungeheuerliche Sache gewesen ist, weil in einem brutalen, direkten Vorgehen kurzerhand Interessen von imperialistischen Hauptmächten delegiert worden sind. Von einem Tag auf den anderen war die Fassade von Wahlprozessen, also der ideologische Rahmen, der im Westen ja doch lange Zeit eine immense Rolle gespielt hat, außer Kraft gesetzt.

    Wie haben Sie und ihre Freunde reagiert?

    Ich habe da eine sehr eindrückliche Erinnerung. Franz Josef Strauß ist berühmt geworden mit seinem Beifall für den Putsch. Aber auch in einer so verstaubten Stadt wie Karlsruhe hat es tatsächlich eine Feier der regionalen High-Society, Geschäftsleute, was da so rumspringt, in der Stadthalle gegeben. Als wir davon hörten, haben wir ganz spontan Leute zusammengetrommelt und vor dem Eingang einen Protest veranstaltet, der unsere Wut zum Ausdruck gebracht hat. Das ist Lernen im Alltag, im Unterschied zu Geschichtsverständnis aus der Zeitung, nämlich zu erkennen, wie so ein Putsch bestimmte Geschäftsbereiche nach vorne bringt, wer davon profitiert, auch, wie die politische Reaktion das lebt: die Freude darüber, dass das Unheil einer Regierung, die Arbeiterinteressen vertritt, abgewendet ist. So habe ich gelernt, politisch zu denken.

    Nun zum entscheidenden Schritt. Sie haben sich organisiert und sind Mitglied der RAF geworden. Gab es hinreichende Bedingungen dafür?

    Es gibt aus der Diskussion zur deutschen Geschichte noch einen Punkt, der bedeutsam ist. Die Untersuchung des deutschen Faschismus hat dessen Vernichtungsmaschinerie vor Augen geführt, wie also eine Herrschaft entsteht, die die Welt in Brand steckt, die Millionen von Juden und viele andere in die Konzentrationslager treibt und auf diese Weise vernichtet. Diese ganze Wirklichkeit stößt einen auch auf die Frage nach dem Widerstand dagegen, der ja real existiert hat. Und diese Frage zeigt sofort eine weitere Dimension: wie der Mensch in die Situation kommen kann, so etwas nicht mehr abwenden zu können, ein Opfer zu werden, teilweise unglaublich schnell, Opfer dieser Macht geworden zu sein, als sie schon gewaltige Übermacht war. Das kommt ganz nah, das ist ein ganz großes Thema. Und da meine ich, das ist eine Sache dieser Generation damals gewesen, außer natürlich für Leute, denen es egal ist. Zu realisieren, was so eine Herrschaft ermöglicht, und sich bewusst zu werden: solche Herrschaft darf niemals auf wehrlose Menschen stoßen. Niemals wieder. Das ist eine Einstellung, und in die gehört natürlich zu reflektieren, welche Rolle Waffen bei Herrschaft, bei Unterdrückung und eben im Kampf dagegen spielen.

    Die Situation in der Bundesrepublik der späten sechziger, frühen siebziger Jahre war nicht faschistisch.

    Das faschistische Personal war wieder in seinen Posten drin.

    Aber eingeengt…

    …war integriert in die Kalte-Kriegs-Anforderungen.

    Von einer faschistischen Bundesrepublik konnte nicht gesprochen werden. Die RAF hatte eine bestimmte Lage im Auge. Entscheidend war, wie diese eingeschätzt wurde.

    Das ist ein richtiger Knoten, dieser Punkt. Weil sich darin so viel mischt aus Missverständnissen, zum Teil auch durch Aktivisten aus der Zeit, später aber vor allem durch die bewusste Geschichtsfälschung von interessierter Seite. Da wird ja teilweise den Gründern nachträglich politische Einfalt angedichtet, sie hätten einen neuen Faschismus heraufziehen sehen und deswegen wäre die RAF gegründet worden. Das ist natürlich genau der Irrtum dabei, obwohl es sicher auch aktive Leute gegeben haben wird, die das Motiv, warum die RAF ins Leben gerufen worden ist, nicht richtig verstanden haben. Auch das gibt´s. Der authentische Grund ist der gewesen, was ich vorhin angedeutet habe, dass sich geschichtlich eine Möglichkeit gezeigt hat, revolutionäre Entwicklungen in Gang zu setzen. Unabhängig davon, welche Rolle die alten Faschisten im neuen Staatsapparat, in der Wirtschaft spielten. Es ist einzig eine Betrachtungsweise aus der Perspektive einer Befreiung der besitzlosen Klassen.

    Das war die damalige Terminologie. Spielte die Bevölkerung in dem Konzept eine Rolle?

    Die Bevölkerung ist sehr illusionslos gesehen worden, dass es nämlich eine sehr unpolitische Bevölkerung ist, dass es eine zum Teil sehr leicht reaktionär mobilisierbare Bevölkerung ist, und dass es nur sehr wenige andere Ansätze gibt. Das ist ja dann kein Gegenargument, sondern gehört vielmehr zum Bild, Kampfformen zu wählen, die eigentlich Kampfformen einer Minderheit sind. Eine politische Bewegung will was erreichen, will nicht nur protestieren und sozusagen die Macht anderen überlassen.

    Viele Leute sind fähig, ihre Bedürfnisse auszudrücken, und sie wissen, was Herrschaft heißt.

    Natürlich. Wenn sie nicht in Bewegung sind, dann wegen der unklaren Perspektiven und nicht, weil sie nicht ihre Lage kennen würden. Von der Beachtung solcher Dinge hängt sicher ab, ob eine Linke Einfluss oder eher eine Szeneexistenz entwickelt. Dabei hatte die RAF noch einen Vorteil. In ihr hatten sich schon die gesammelt, die keineswegs doktrinär oder vernagelt waren, also die Offenheit ist eher größer gewesen. In die Illegalität zieht es nie die verstiegenen Leute, du wärst nämlich nach 14 Tagen verhaftet gewesen, wenn du dir die Welt zurechtspinnst. Als Illegaler lernst du von Haus aus Realitätsbezug und Pragmatismus. Nur mit der Vision machst du eine Ausnahme, das willst du dann schon wissen, wie weit du damit kommst.

    Die RAF ist Geschichte, 1998 aus eigener Kraft aufgelöst. Sieht man Schwächen, Fehler, auch Versagen nun schärfer?

    Erst mal muss man feststellen: die Sache unterlag. Der Impuls der Sache, die Ideen und die Praxis unterlagen letztlich in dem politischen Prozess, wie er dann seit Ende der achtziger Jahre aufgekommen ist. Dass es stärker ein politisches Unterliegen gewesen ist, drückt sich auch darin aus, dass sie die Kraft aufgebracht hat, ihre Sache schließlich selber zu beenden. Es ist ein Unterschied, aufgerieben zu werden und dann irgendwie zu verschwinden oder die Entwicklung zu reflektieren.

    Was bewog die RAF zur Auflösung?

    Die Diskussion hatte noch vor Mitte der neunziger Jahre angefangen. In ihr ist vieles intuitiv gelaufen. Zum Teil wegen der Beschränkungen, die meisten einzeln irgendwo in Knästen verstreut, man konnte sich eher nur Andeutungen von Gedanken schreiben und bekam eine Ahnung, was der andere so ungefähr darüber denkt. Analytische Schritte sind immer sehr schwierig gewesen in dieser Entwicklung, die zur Konsequenz der Auflösung der RAF führte.

    Haben Sie der Auflösung zugestimmt?

    Nicht nur zugestimmt, die Gefangenen haben einen wichtigen Beitrag geleistet. Das hat dann Fahrt bekommen nach 1995, wenn ich es zeitlich richtig erinnere.

    Das Ende der Ost-West-Konfrontation hat der Entscheidung sicher den Stempel aufgedrückt.

    Das Ende dieser Konstellation hat auch die Gewaltverhältnisse neu beleuchtet. Natürlich die staatliche Gewalt, die dann mit dem Run um die Neuaufteilung der Einflusssphären losging, nachdem das alte Kräfteverhältnis aufgebrochen war. Aber auch soziale Gewalt ist in den Vordergrund getreten … Die Dimensionen von destruktiver Erfahrung sind enorm geworden. In Hinsicht auf die RAF-Aktionen kam ein neuer Gedanke in die Diskussion. Eine Ahnung der Gefahr, dass keine besonders aufklärende, politisierende Wirkung mehr erreicht wird. Die vordringliche Notwendigkeit der Linken insgesamt war, sich nach den Umbrüchen neu zu orientieren. Eine Praxis von bewaffneten Aktionen ist aber immer so folgenreich, dass man damit zwangsläufig sehr viel dominiert. Ein sinnvoller Beitrag einer RAF-Praxis zu der anstehenden Neuorientierung stand aber so in Zweifel, dass man sie nicht fortsetzen durfte.

    Warum wollen Sie keinen Gedanken auf Ihre Aktionen vom Herbst ´77 verwenden?

    Eigentlich kann man darauf nur sagen: Das Wasser ist den Fluss schon längst runtergelaufen. Das ist alles schon Schnee von gestern. Die Organisation ist aufgelöst. Keine Rückkehr zum bewaffneten Kampf, das ist schon mehrmals gesagt worden, auch öffentlich, auch von mir. Sind wir alles schon durch. Anfangs habe ich mal gedacht: Die bewusste Transparenz, die würde es befördern und ermöglichen. Jetzt stellt sich heraus: Die wollen das gar nicht. Aber jetzt fange ich nicht wieder von vorne an, mich zu rechtfertigen. Wir haben uns immer verbindlich verhalten. So oder so. Nach der politischen Erklärung, dass die Organisation aufgelöst ist, macht nicht irgendwer ein individuelles Ding. Das ist unsere Geschichte. Wir sind übrigens dafür bekannt, nicht spontane Ausreißer zu sein, sondern reflektiert und verbindlich zu handeln.

    Wolfgang Kraushaar hat jüngst zwei dickleibige Bände über die Geschichte der RAF und des linken Terrorismus herausgegeben.

    Wie solche Leute dann auch noch praktisch Hilfspolizisten werden. Kraushaar ist zur Zeit dabei, Zeugnisse auszustellen über ehemalige Gefangene, schon Entlassene, zu mir hat er auch was gesagt.

    Amtlicherseits sieht man nach wie vor Gefahr, sofern sich Leute mit der RAF-Geschichte identifizieren. Woher rührt das?

    Natürlich gibt es viele Identifikationspunkte. Das ist ja zum Glück so. Aber das ist politische Identifikation. Das hat überhaupt nicht die Tendenz, jetzt müsste mal wieder was gegründet werden. Sondern es ist einfach die Anerkennung, was für einen enormen politischen Gehalt diese Geschichte hat. Reaktionäre erwürgen sich lieber selber, als dass sie jemals zugeben wollten, dass es eine politische Angelegenheit ist. In dem Ding verstolpern sie sich, und daher kommen solche hysterischen Inszenierungen. Wenn die einen Schritt machen und sagen würden, das ist politische Geschichte, wäre ein großer Teil von dem ganzen Scheiß und Lärm gar nicht mehr existent.

    Dieses Jahr lief wieder so eine Inszenierung ab. Der Name Klar ging durch alle Medien.

    Man muss sich den Verlauf mal konkret anschauen. Da ist im Februar ist eine Walze losgerollt, die sich vordergründig an der bevorstehenden Haftentlassung von Brigitte (Mohnhaupt) und meinem Begnadigungsantrag hochgezogen hat. Es war im Grunde ein gemischtes Programm. Gefahren wurden beschworen. Es sind aber auch informierte Leute aufgetreten, die bestätigten, dass die RAF-Geschichte eine abgeschlossene Sache ist. So ganz plump darf es ja auch nicht funktionieren.

    Waren Sie überrascht?

    Ein bisschen schon. Es war lange bekannt, dass dieses Jahr die 30-jährige Staatsbegehung der Aktionen von 1977 stattfinden sollte, und man konnte sich aus den früheren Jahren ungefähr vorstellen, wie die staatliche Sicht wiederholt werden soll, bestimmte ideologische Bedürfnisse wiederholt werden sollen. Die einschlägigen Medien hatten ihren Part längst übernommen, voran der Spiegel, eine Figur wie Aust, der sich als Spezialist zur RAF-Geschichte ausgibt. Demnach waren gewisse Wiederholungen zur RAF-Geschichte zu erwarten gewesen. Aber was dann kam, war deutlich intensiver. Eine wohlüberlegte Sache ist dieses Jahr passiert, eine Art Coup ist gelandet worden. Aust führte mit Regie.

    Das Stichwort Aufklärung wurde verknüpft mit dem Leid von Hinterbliebenen derer, die als Ziele von RAF-Aktionen ums Leben gekommen waren.

    Was natürlich verständlich ist, weil da Hinterbliebene sind, Familien, Freunde sind. Dass auch Personen, die angegriffen worden sind, dieses menschliche Umfeld haben, das ist selbstverständlich. Und dass da eine berechtigte menschliche Klage ist, das muss ich mir gefallen lassen, das muss ein Aktivist des bewaffneten Kampfes sich gefallen lassen und würde ich nicht verdrängen wollen. Nur ist dieses Thema instrumentalisiert worden mit dem nächsten Stichwort, es ginge um Aufklärung.

    Spielt der aktuelle terroristische Hintergrund hinein – RAF-Terror gleich islamistischer Terror?

    Eigentlich müsste klar sein, dass der Charakter dessen, was heute aus dem arabischen Raum kommt und als Islamismus bekämpft wird, und die RAF-Geschichte doch zu weit voneinander entfernt sind. Die politische Konjunktur, aus der die RAF geboren wurde und in der sie gewirkt hat, ist eine ganz andere gewesen. Der ideologische Hintergrund ist ein anderer gewesen. Obwohl es vereinzelt Paranoiker gibt, Kraushaar gehört dazu, die meinen, auf der Ebene von Nihilismus oder Pseudopsychologie Parallelen ziehen zu müssen. Das sind bemühte Versuche, die keinen Bestand haben.

    Trotzdem: Warum dieser Lärm?

    Was für ein kurzer Zeitraum ist vergangen seit dem Triumphalismus des Westens in den neunziger Jahren. Nun sind die ganzen Widersprüche zurückgekehrt, die ökonomischen Widersprüche, die Krisenanfälligkeit, die Brutalität in der Durchsetzung überkommener Modelle. Nicht nur die neoliberale Wirtschaftstheorie, auch die Militärpolitik, die sie betreiben. Das ist eine heftige Entzauberung der kapitalistischen Macht, und das wird in der Bevölkerung schon wahrgenommen. Ich denke, dass das Brachiale in dem neuen Anlauf, die RAF-Geschichte in Fälschungen und Dämonisierungen zu ertränken, sie zwanghaft zu verkleiden zum Kriminalfall, Auskunft gibt über den Stand der bürgerlichen Herrschaft. Die alte Ordnung steht schon grundsätzlicher in Frage. Und natürlich müssen dann Menschen, die um eine Öffnung in die Zukunft kämpfen, auch in ihren Impulsen, ihren Motiven und ihren Absichten restlos aus jeder Vorstellung und aus jeder Diskussion ausgelöscht werden. Das ist eine Erscheinung, die nicht am Anfang der bürgerlichen Epoche steht, sondern an ihrem Ende.

    Sie haben nach langem Zögern ein Gnadengesuch gestellt.

    Das geht zurück auf die Bekanntschaft mit Günter Gaus, der wegen eines Fernsehinterviews hier reinkam. Es wurde eine für mich sehr wichtige Bekanntschaft.

    Gaus hatte mit Ihnen im Vollzug Bruchsal ein Fernsehinterview gemacht.

    Aber dieses Fernsehinterview, schwierig genug, war nur ein Aspekt. Ich habe es damals gern zugesagt, weil ich von Gaus schon eine Vorstellung hatte, bevor ich ihn kennen lernte. Er hatte sich zuvor an einen ehemaligen Gefangenen, Helmut Pohl, gewandt und zunächst geschildert, wie er auf die Idee gekommen ist, ein Interview zu versuchen.

    Wie stand Gaus zur RAF?

    In der Vorbereitung bemerkte er mal, wieso er immer gegen die RAF gewesen sei. Das war verblüffend verschieden zu der bekannten Flut von Begründungen. Diese Erinnerung behalte ich einfach als persönliches Andenken für mich.

    Blieb es bei dem einen Termin?

    Nach dem Interview kam er noch zwei Mal, er wollte noch etwas fortsetzen und hat die Idee gebracht, das Gnadengesuch zu stellen. Gaus war ein alter Kenner der politischen Mechanismen, und ich habe ihm einiges zugetraut abzuschätzen, was die Aussichten angeht. Aber trotz dieser kompetenten Fürsprache ist die Sache sehr schnell schwierig, zäh geworden.

    Was kam von Bundespräsident Rau?

    Von Rau kam nichts. Dann kam Köhler, der Ökonom, ins Amt. Ein Ökonom, so dachten wir, würde die Frage zumindest nicht mit Moralisieren belasten. Am Anfang dieses Jahres stellte sich dann heraus, wo die Politik inzwischen angekommen war: nämlich den kleinsten Verdacht einer politischen Interpretation der RAF-Geschichte im Keim zu ersticken. Im Frühjahr war dann klar, dass aus dem Antrag nichts mehr werden würde.

    Köhler hat sich immerhin mit Ihnen getroffen.

    Das Treffen gehörte zur Inszenierung dazu.

    Worauf lief es hinaus?

    Erst mal hat das Gespräch den normalen Gang gehabt, wie man erwarten konnte, zu meiner Person, zu meinen Perspektiven, zu meinem Verständnis der Geschichte. Ein konstruktiver Ausgang blieb dabei offen. Schließlich kam Köhler mit seiner Mission, die sich fast wörtlich in diese Kampagne eingefügt hat. Zu der Zeit war sie über den Spiegel schon am Laufen. Unsere Generation hätte der Vätergeneration doch immer vorgeworfen, ihre Verbrechen in der Nazi-Zeit immer beschwiegen zu haben, jetzt würden wir doch das gleiche machen. Ich habe diesem Vergleich widersprochen und ihm erklärt, dass ich nicht einverstanden bin, die RAF-Geschichte als Kriminalfall zu besprechen.

    Köhler hat verlangt abzuschwören.

    Köhler jedenfalls hat die Sache ins Spiel gebracht, die ich geschildert habe. Und das fällt natürlich in diese Kategorie. Was soll eine Unterwerfung unter die Darstellung der RAF-Geschichte als Kriminalfall anderes sein als ein Abschwören. Darum ging es immer im System der Haft gegenüber politischen Gefangenen. Das ist was Spezielles der Neuzeit. Es beschränkt sich nicht darauf, einen politischen Gegner außer Gefecht zu setzen, eine Organisation zu zerschlagen, ihre Gegner sollen sozusagen ihre Gründe, warum sie kämpfen, hinterher zurücknehmen. Auch darin äußert sich die Legitimationskrise der Herrschaft, das ist ihre Krise, die sie etwa in ihrer Praxis der Gefangenschaft institutionalisiert hat …

    Sie haben aber auch Solidarität erfahren.

    Die Solidarität, sie gab es auch früher, ist lebendig und offen. Da schreiben Gruppen, Initiativen aus Städten, die gar nicht das herkömmliche Milieu sind, sondern neue Bewegungen, antirassistische Initiativen, Zusammenschlüsse der Linken, die mit der neuen Partei zusammenhängen, Schülergruppen, G 8-Initiativen – das ist sehr breit. Und dann ist da noch eine persönliche Ebene entstanden, etwas sehr Besonderes dieses Jahr. Viele individuelle Briefe, aus ganz unterschiedlichen, zum Teil persönlichen Anlässen geschrieben. Leute, die in ihrer Familiensituation leben, in ihrem Beruf, ihrem Alltag, die sich angesprochen gefühlt und geschrieben haben ohne einen weiteren Anspruch, in Kontakt zu treten, nur aus dem Bedürfnis, was zu vermitteln, eine Ermutigung, eine Meinung, wie sie die Verhältnisse sehen. Oft erzählen die Briefe vom Alltag: Wir führen hier einen Buchladen. Oder: Bin gerade in der Ausbildung zum medizinischen Personal in einem Krankenhaus. Eine Fernfahrerin schrieb. Einer, der in Wien mit Theaterarbeit zu tun hat.

    Haben Sie geantwortet?

    Fast nie. Weil es mich überfordert, individuelle Kontakte zu pflegen. Und weil es auch ein bisschen eine Vertrauenssache ist, das ist natürlich nicht auf Anhieb da. Man muss sich vorstellen: Es ist ein großes Missverhältnis, was ich bekomme und wie ich antworten kann. Deswegen sage ich das hier gern mal, wie bedeutsam Wortmeldungen von draußen sein können. Sie geben Kraft und helfen, die Welt zu verstehen, von der man sehr abgeschieden ist.

    Können Sie sich das vorstellen, den Einzug ins zivile bürgerliche Leben?

    Ich bin neugierig darauf, das ist ja das allererste. Ich weiß die Freiheit zu schätzen, das steht ja ganz weit vorne bei der Vorstellung, wie es ist, entlassen zu werden. Es sind aber auch keine tausend Gedanken, es gibt da kein Rumspintisieren. Es gibt ein paar grundsätzliche Entscheidungen. Die eine ist, dass ich ein legales Leben führen werde. Die politische Geschichte ist abgeschlossen, ich habe einen langen Knast am Hals gehabt. Trotzdem, ich bin bisher recht gesund geblieben, das heißt, ich werde irgendwo meine Brötchen verdienen können. Und ich will hoffen, dass die Lohnarbeit nicht so einen großen Umfang einnimmt. Weil natürlich viele Bedürfnisse da sind, Leute zu besuchen, über die frühere Geschichte zu sprechen, einen guten Alltag zu haben.

    Welchen Weg werden Sie politisch gehen?

    Mein politisches Interesse hat sich ja nicht geändert. Aber etwas politisch Organisiertes kann ich mir nur schwer vorstellen. Da sehe ich mich doch sehr individuell, mehr als Beobachter. Vielleicht wird Schreiben eine sinnvolle Aktivität sein. Für Reportagen muss man von sich absehen, muss die Augen aufmachen und den Blick nach außen richten. Im Knast bekommt man eine Ahnung davon, weil das Schreiben dort eine überwiegende Kommunikationsform ist. Das Interesse, das Lernen und vielleicht auch, was geben zu können. Im Schreiben verbindet sich das. Aber in allem wohnt Hoffnung, dass das Leben zurückkehrt.

    Das Gespräch führte Stefan Amzoll

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    Aufgewachsen ist der 1952 in Freiburg geborene Christian Klar im Dreiländereck an der Grenze zur Schweiz und zu Frankreich. Klar hat „vier Geschwister, eine Schwester und drei Brüder. Ein jüngerer Bruder ist gestorben.“ In seiner Jugend übersiedelte die Familie in die Gegend von Karlsruhe, weil der Vater dort Schulrat wurde, die Mutter arbeitete mit Unterbrechungen als Lehrerin.

    In den siebziger Jahren trifft er in Karlsruhe auf Adelheid Schulz und Günter Sonnenberg, gründet mit ihnen eine Wohngemeinschaft, zu der später auch Knut Folkerts stößt. Er engagiert sich für die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und identifiziert sich mit den Gefangenen der RAF, protestiert, noch in der Legalität, gegen deren Haftbedingungen; 1976 wird er selbst Mitglied der RAF.

    1977 ist Klar beteiligt an der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern, im Sommer an der von Jürgen Ponto, Chef der Dresdener Bank, und im Herbst an der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Welchen Tatanteil Klar in den einzelnen Fällen hat, ist bis heute nicht widerspruchsfrei geklärt.

    1979 wird gegen Christian Klar Haftbefehl erlassen, es dauert drei Jahre, bis er im November 1982 im Sachsenwald bei Hamburg verhaftet wird. 1985 verurteilt ihn das Oberlandesgericht Stuttgart zu sechsmal lebenslanger Haft; 1992 folgt eine weitere lebenslange Freiheitsstrafe. Seit Anfang der neunziger Jahre ist er in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal inhaftiert.

    2001 führte der damalige Freitag-Herausgeber Günter Gaus mit Christian Klar für den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg ein Interview in der Reihe Zur Person. Er bestärkte Christian Klar darin, ein Gnadengesuch an den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau zu stellen, das Raus Nachfolger Horst Köhler in diesem Jahr abschlägig beschied.

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