(Wie) mit dem Verfassungsschutz diskutieren?


Noch einmal Danke – für noch einen Text auf den wir per mail hingewiesen wurde (Einl. delete129a):


Kontaktschuld

14.12.2007., 22:16
Name
MM

Ein Genosse geht zum Verfassungsschutz

Manchmal googelt man in Zeiten der Abwesenheit von Gefahr und großer Not vor sich hin. Und plötzlich trifft einen der Schlag: Auf der Homepage des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) findet sich der Name des von mir sehr geschätzten Genossen Klaus Holz. Und darin wird er nicht als gefährlicher, fanatischer, unsere allseits geliebte Demokratie bedrohender Extremist gebrandmarkt. Mitnichten. Genosse Holz wird persönlich in einer Begrüßungsansprache vom BfV-Präsidenten Fromm in der Sicherheitsakademie Hohenschönhausen fast schon herzlich als „kompetenter Referent” adressiert. So steht es nachzulesen in einer Broschüre dieser Institution unter dem Titel: Neuer Antisemitismus? Judenfeindschaft im politischen Extremismus und im öffentlichen Diskurs. Ein Symposium des Bundesamtes für Verfassungsschutz vom 5. Dezember 2005.

Hier kann man einen Aufsatz des Genossen Holz unter der Überschrift „Neuer Antisemitismus? Wandel und Kontinuität der Judenfeindschaft nachlesen” (1). Darüber hinaus finden sich an diesem Ort Beiträge, die von einem namentlich nicht aufgeführten Referenten unter dem Pseudonym „Innenminister Dr. Wolfgang Schäuble”, dem Generalsekretär des Zentralrates der Juden und zwei Wissenschaftsbütteln vom BfV stammen.

Ein paar Reflexionen nach dem ersten Schock

Genosse Holz kann als ein wirklicher Antisemitismusexperte gelten, der sich auch nicht davor scheut, zuweilen auf eigene Kosten zu irgendeiner Antifa-Initiative in Sowieso zu fahren, die ihn einlädt, um sich mit seinen Sichtweisen auseinander zu setzen. Ich habe ihn seit den frühen 90er Jahren mehrfach auf politischen Veranstaltungen erlebt – das erste Mal als vortragender Genosse irgendwo im alternativ-autonomen Milieu in Freiburg im Herbst des Jahres 1992. Ich habe sie durch sein kenntnisreiches wie gediegenes Auftreten auch heute noch in gewinnbringender Erinnerung. Ein paar Mal bin ich mit ihm und Bekannten Drogen trinken gewesen – ein wirklich außerordentlich sympathischer Genosse. Und nun hat er sich also gemeinsam mit Bundesinnenminister Dr. Schäuble – ein „harter und böser Mann” (Hans-Jochen Vogel) – auf ein Podium gesetzt, um – sicher nach Begleichung der Fahrtkosten – in ziviler Weise über den Antisemitismus zu parlieren. An dem Symposium, zu dem Genosse Holz in der am gleichen Tag verbreiteten Pressemitteilung des BfV namentlich noch gar nicht angekündigt worden war (2), sollen ca. 200 sorgfältig ausgewählte Anwesende, darunter eine Vielzahl von Präsidenten der Landesämter für Verfassungsschutz, ihre Vizepräsidenten, Staatssekretäre, Fahrer und sonstige Subalterne usw. teilgenommen haben.

Die Presseresonanz in den überregionalen Tageszeitungen zu diesem Ereignis kann dabei aus der Sicht des Veranstalters sicher als zufriedenstellend gewertet werden. Allerorten kam die Message rüber, daß Dr. Schäuble die couragierte Auffassung vertrat, den Antisemitismus „unverändert, aber differenziert, zu bekämpfen” (3). Das finde auch ich beruhigend. Denn eine gegenteilige Meldung, in der sich der amtierende Innenminister dieses Landes in aller Öffentlichkeit für „eine Förderung des Antisemitismus” aussprechen würde, hätte ich diesem wirklich sehr übel genommen. Gut also, daß es hier noch nicht wieder soweit ist. Und bei diesem schönen Ereignis hat nun Genosse Holz in der Form eines Vortrages – und das kann der Genosse wirklich gut – gesungen und getanzt, denn die höchsten Offiziere der Großinquisitionsbehörde wollten einmal fröhlich sein – um hier einmal eine Volksweisheit aus dem Mittelalter zu variieren.

„Da gehören doch die antideutschen Hexenjäger und Scharlatane vom Schlage eines Rensmann, Brumlik oder Küntzel hin, – sofern die ohnehin nicht schon für diesen Laden arbeiten –, aber doch nicht Genosse Holz!”, habe ich mir zunächst spontan versucht einzureden. Doch als ich an den Genossen Holz die erste „Was soll ich gegen diese Verleumdung Deiner Person tun?”-Mail geschrieben hatte, war schon zu ahnen, daß er wirklich dort gewesen war. Ein Anruf bei der BfV-Pressestelle, wo ich eine Frau mit dem Decknamen „Mende” erreichte, informierte mich darüber, daß eine Broschüre, in der sich der Beitrag von Holz befindet, demnächst erscheinen werde.

In meiner zweiten Reaktion zirkulierten in meinem Kopf einige Ausschlußphantasien. Immerhin bin auch ich während meines Engagements im Berliner Sozialforum gegen das Hartz I, II, III, IV-Regime im Verlaufe des Jahres 2004 bespitzelt worden. Und daß die vom BfV ausgeschickten Spitzel den sehr präzisen Auftrag haben, jeden Protest und Widerspruch gegen die unerträglichen herrschenden Verhältnisse unwirksam zu machen, steht außer Zweifel. Das geringste also, den besagten Genossen wegen seines BfV-Engagements sofort aus allen Zusammenhängen der Linken auszuschließen. Doch hat er das durch seinen Auftritt beim BfV nicht schon selbst getan? Dieser erste Reflex ist 1. verständlich, und 2. politisch deshalb falsch, weil er nicht ganz frei von bürgerlichen Reinigungsphantasien ist.

Welche Gründe, so frage ich mich, könnten unter den herrschenden Verhältnissen eigentlich einen Auftritt beim BfV gerechtfertigt erscheinen lassen? Zwei sind mir zunächst eingefallen:

1. Es wird einem von Beauftragten dieses Amtes schlicht eine geladene Knarre an den Kopf gehalten, oder etwas allgemeiner formuliert: Die Androhung von körperlichem Schmerz, sprich Folter. Selbstverständlich muß man, wenn Leben und physische Unversehrtheit auf dem Spiel stehen, alles tun, was die Auftraggeber von einem erwarten.

2. Man geht direkt in das Haus des Henkers und redet gleich von Anfang an vom Strick. Dabei hätte sich das annoncierte Thema „Antisemitismus heute?” für den intelligenten Genossen Holz ganz hervorragend angeboten, um ein paar konzentrische Überlegungen anzustellen, z. B.:

- zu der Geschichte des BfV, dessen Präsident mit der längsten Amtszeit Hubert Schrübbers hieß. Der hatte zuvor als rühriger SA-Mann agiert und sich dann als Oberstaatsanwalt am OLG Hamm in den 30er und 40er Jahren um den Schutz der Verfassung des III. Reiches verdient gemacht. Seine Strafanträge sorgten dafür, daß Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden für Nichtigkeiten auf Jahre im Kerker verschwanden. Doch noch einmal darauf angesprochen, beteuerte der gewiefte BfV-Präsident, er habe seine Delinquenten vor der Gestapo bewahren wollen. Der Jüdin Anna Neubeck nutzte Schrübbers Fürsorge allerdings nichts. Auf seinen Antrag hin zu 2 1/2 Jahren Haft verurteilt, weil sie „Geld und Nahrungsmittel für politische Flüchtlinge” gesammelt hatte, wurde sie am 7. Dezember 1942 vorzeitig aus der Strafanstalt entlassen und nach Auschwitz verlegt, wo sie Neujahr 1943 „starb”, wie der SPIEGEL nobel zurückhaltend formulierte. Vermutlich ist Schrübbers nach dem 8. Mai 1945 auf den Einfall gekommen, es einmal als Demokrat zu versuchen. Und siehe da: Er hatte damit Erfolg und amtierte als BfV-Präsident von 1955 bis 1972. Schrübbers lange Berufsbiographie kann insoweit als die eines doppelten Verfassungspatrioten – mal mit mehr, aber auch mit weniger Antisemitismus – beschrieben werden. Ist denn nun diese für das Gedeihen und Werden von wohl nicht wenigen Referatsleitern und sonstigen Angestellten im BfV so bedeutsame Berufsbiographie schon aufgearbeitet worden – wohlmöglich sogar kritisch? Genosse Holz hätte hier bei seinem Auftritt entscheidende Hinweise geben können (4).

- zu dem ganz hervorragenden Engagement des VS-Spitzels Peter Urbach, der die Brandbombe für den Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus am 9. November 1969 in Westberlin geliefert hat (5).

- zu den filigranen Auffassungen von Innenminister Schäuble, der sich in einem noch 1998 wiederaufgelegten programmatischen Buch darüber beklagte, daß sich in der BRD „ein unverkrampftes nationales Bewusstsein und ein positiv ausgefüllter Begriff von Nation kaum (habe) entwickeln” können, gleichzeitig vor einem „Europa (…) als eine(r) Gemeinschaft der Krämer” warnte und für eine „Rückbesinnung auf unsere nationale Identität” plädierte. Selbstredend glaubte Schäuble sich dabei von denen abgrenzen zu müssen, „die die Geschichte verbiegen und benutzen, um eben im Namen der deutschen Geschichte irreleitende Tabu-Schilder aufzustellen”, und warb um „Verständnis” dafür, „dass Nation eben auch Schutzgemeinschaft nach außen” bedeute. Und die beschrieb er gleich in dem nächsten Satz in schwülstiger Prosa als eine „emotionale Bindung, das verinnerlichte Ethos einer stets zur Selbstbehauptung und Verteidigung der Freiheit bereiten Schicksalsgemeinschaft” (6). Wer so schreibt, dem fällt es leicht, den „Auschwitz als Moralkeule”-Einfällen eines Martin Walser in der Paulskirche am gleichen Ort zu applaudieren. Steckt nun in den völkisch camouflagierten nationalen Überlegungen des amtierenden Innenministers nicht der Antisemitismus wie das Gewitter in der Wolke? Ich kenne keinen besseren als Genossen Holz, der prädestiniert gewesen wäre, Dr. Schäuble die beunruhigenden Schnittstellen zwischen Nationalismus und Antisemitismus einmal direkt in die Visage hinein zu erklären. Es ist schließlich sein Verdienst, diesen in der Geschichtswissenschaft geflissentlich unterschlagenen Zusammenhang in einem dicken Buch aufgedeckt zu haben (7). Es stellt die hermeneutische Analyse von Texten in den Mittelpunkt, um die Sinnstruktur der antisemitischen Weltanschauung zu dechiffrieren. Dem lesegeübten Genosse Holz wäre es mehr als leicht gefallen, die markanten Passagen in dem Schäuble-Buch mit einer entsprechenden Textinterpretation – und selbstredend völlig frei von „irreleitenden Tabu-Schildern” -zu versehen.

- zu der nun schon jahrzehntelang währenden und sicher nicht immer einfachen Unterstützungsarbeit des BfV und der Landesämter für Verfassungsschutz (LfV) für den Kaderstamm der NPD. Herauszustreichen wäre hier insbesondere die hervorragende Rolle der beiden Ultra-Spitzel Wolfgang Frenz und Udo Holthusen, die mehrere Jahrzehnte lang mit extensiver logistischer Unterstützung der Geheimdienstämter antisemitische Propaganda vom feinsten, Pardon: vom rechten Rand herstellen und vertreiben konnten (8). Und der Gedanke, daß Genosse Holz bei seinem Auftritt seinen Vortrag einfach mal mit dem Hinweis in die versammelte Runde eröffnet hätte: „Antisemitismus heute? Aber meine Herren Verfassungsschützer, da kennen Sie sich doch eigentlich viel besser aus als ich es je könnte! Laden Sie doch mal alle Ihre langjährigen NPD-Mitarbeiter zu einem jour fixe ein! Über einen Versammlungsraum in Ihrer Behörde, der weit über hundert Leute faßt, werden Sie ja wohl verfügen, oder irre ich mich da?” bereitet mir wirklich ein großes Vergnügen.

Ja, alles das hätte Genosse Holz bei seinem Auftritt in der Sicherheitsakademie ansprechen sollen. Und dann noch, daß er das durch seine Referententätigkeit auf dieser Veranstaltung eingestrichene Honorar auf das Solidaritätskonto des Heidelberger Antifaschisten Michael Csaszkóczy überweist, der aufgrund der fachkundigen Arbeit des Landesamtes für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg von einem Berufsverbot betroffen ist (9). Dabei hätte sich der methodische Einwand, bei den oben aufgeführten Sacherhalten handele es gewissermaßen um alte Kamellen, die thematisch doch gar nicht in Bezug auf die Themenstellung der Tagung stehen, leicht kontern lassen: Wie soll denn bitteschön ein „neuer Antisemitismus” qualifiziert werden, wenn der alte noch gar nicht umfassend ausgeleuchtet ist?

Genosse Holz hätte sich dann nur nicht davor fürchten dürfen, daß erstens nicht geklatscht und zweitens er nie wieder von dieser honorigen Institution eingeladen werden würde. Doch das klingt alles viel zu gut, um wahr zu sein. Schließlich gilt: Wer mit dem Teufel Pudding essen will, braucht wirklich einen verdammt langen Löffel.

Nun, nach etwas längerem Überlegen, ist mir doch noch ein Grund für einen konstruktiven Auftritt bei der Großinquisitionsbehörde eingefallen: Vielleicht ist ja die Annahme richtig, daß es in diesem Land nicht die geringste Aussicht darauf gibt, daß ein Kampf gegen den Antisemitismus von unten geführt werden kann. Dann mag es richtig erscheinen, sich mit dem eigenen Gehirnschmalz beim Ausschmücken der seit dem 23. Mai 1949 in diesem Land herrschenden philosemitisch grundierten Staatsreligion zu beteiligen. Alle Beteiligten dürfen hier immer wieder von neuem die entsprechenden Sprechformeln einüben und aufsagen. Wer sich dabei verquatscht, wie z. B. Möllemann und Hohmann, wird auch schon mal politisch kalt gestellt. Die intellektuellen Vordenker der Antideutschen haben dieses Problem schon lange entschieden und sich entsprechend – wenn auch zuweilen getarnt mit etwas Kommunismus-Klimbim – in den Verfassungsbogen
der herrschenden Verhältnisse eingeordnet. Insoweit könnte es bei dem Auftritt des Genossen Holz bei der Großinquisitionsbehörde darum gegangen sein, in Sachen Anti-Antisemitismus als Staatsreligion vor allem mit Antideutschen in das Rangeln um den staatlichen Geldsack einzutreten. Und auch angesichts des Bundeswehrmachtengagements an den Grenzen des Staates Israels zum Zwecke des „Schutzes” der in dieser Region lebenden jüdischen Bevölkerung wird der staatliche Beratungsbedarf in Sachen Philo- und Anti-Anti-Semitismus ohnehin noch immens wachsen.

„Wir bei den aktuellen Neuarrangements”

Genosse Holz hat darauf verzichtet, unter Verweis, sagen wir: auf die kranke Hauskatze seinen Termin beim BfV abzusagen. Was hat er denn nun auf jener Tagung der Dunkelmänner genau mitgeteilt? Überhaupt: Es gibt sowieso kaum etwas Schöneres für einen Referenten, als daß man sich in aller Öffentlichkeit mit seinen Inhalten wie natürlich auch der Form, wie und wo er vorträgt, auseinandersetzt. Und das gilt besonders für eine so schwerwiegende Problematik wie die des Antisemitismus. Wer Genossen Holz ein wenig kennt, weiß, daß es in seinem Sinne ist, diesen Abgrund wirklich nach allen Seiten zu reflektieren.

Liest man nun in dem Tagungsband seinen Aufsatz, so sucht man darin die oben von mir skizzierten Überlegungen (Schrübbers, Urbach, Dr. Schäuble, NPD) zwar vergeblich. Gleichwohl findet sich darin eine ganze Reihe von gelehrten Passagen. So widerspricht er dort der Annahme, daß man es heute „mit einem neuartigen Antisemitismus” zu tun habe, stattdessen würden lediglich seine „hergebrachten Strukturen (…) an die veränderte weltgeschichtliche Lage angepasst” (S. 33). Danach handelt der Autor in drei Kapiteln sowohl den „islamisierten” wie den „antizionistischen Antisemitismus” und die „neue Eintracht im Ost-West-Konflikt” ab. Zutreffend erscheint mir seine Zurückweisung der nach dem Massenmord vom 11. September 01 popularisierten „Clash of civilisations”-These zu sein, in der „der eine oder andere Antisemitismuskritiker (meint), im Antisemitismus einen Wesenzug muslimischer Identität (…) identifizieren zu können” (S. 51). Genosse Holz beharrt zu Recht darauf, daß es sich bei dem islamistischen Antisemitismus „zumindest in den grundlegenden Mustern – um einen Import des europäischen handelt” (S. 50). Allerdings erst ganz zum Schluß seines Beitrages – und systematisch nicht weiter ausgeführt – werden von ihm die „fünf attraktivsten Elemente eines zukünftigen Antisemitismus: Täter-Opfer-Umkehr, Tötungswunsch, jüdisches Geld, Antiamerikanismus, Feindschaft gegen Israel” mit öffentlichen Einlassungen von etwas bekannteren Persönlichkeiten dieses Landes wie z. B. Martin Walser, Jürgen Möllemann, Roland Koch, Gerhard Schröder, Hertha Däubler-Gmelin, Jamal Karsli verknüpft (S. 53). Das sind sehr gute Überlegungen, machen sie doch etwas sichtbar, was Hannah Arendt in ihrer Analyse der Praxis des Antisemitismus einmal als „zeitweiliges Bündnis zwischen Mob und Elite” beschrieben hat. Die Frage aber, ob Genosse Holz diese doch in das kulturelle Herz jener Versammlung von Elitenunterstützern treffenden Betrachtungen in Anwesenheit u. a. von BMI-Chef Schäuble direkt auch so vorgetragen hat, läßt sich nicht beantworten. Denn er hat lediglich eine „überarbeitete Fassung” eines bereits publizierten Artikels aus einer anderen Zeitschrift in der diesbezüglichen Publikation des Bundesinnenministeriums freigegeben (S. 30).

Lösen die referierten Passagen zunächst meinen Widerspruch nicht aus, so hat mich doch das in der freigegebenen Fassung mehrfach verwendete „wir” in Form der direkten Adressierung an die Anwesenden im Raum außerordentlich befremdet. „Wir bei den aktuellen Neuarrangements”, lautet in diesem Zusammenhang die instruktivste (S. 52). Das bedeutet ja nichts anderes, als daß sich Genosse Holz noch einmal nachträglich mit den höchsten Geheimdienstoffizieren der Republik in einem programmatischen Sinne gemein gemacht. So muß alles, was man zunächst konstruktiv an dem vorliegenden Beitrag geneigt ist, wohlwollend zu interpretieren, verstanden werden als die Forderung an die zuständige Fachbehörde nach noch mehr Überwachung, Spitzelei und präziserer Denunziation. Was ist das für ein trostloses Leben!

Klaus Holz, ein bislang kritischer Wissenschaftler, hat hier als Mensch, als politisches Wesen, eine falsche Entscheidung getroffen. Sein Löffel, mit dem er probierte, gemeinsam mit dem Teufel Pudding zu essen – das wird er vielleicht mittlerweile selbst so sehen –, war einfach nicht lang genug. Seine Entscheidung hat ihm Beifall von der falschen Seite – so z. B. eine freundliche Rezension seines jüngst publizierten „lehrreichen Buches” in der Welt (10) –, weitere freundliche Angebote von den Organen der staatstragenden Intelligenz, so z. B. der ZEIT (11), und möglicherweise etliche andere Folgeprobleme eingebracht. Eine intelligente Analyse ist zwar überall wahr, auch bei einer Tagung des BfV, jedoch hat der Kontext Einfluß auf die illokutionäre Kraft der jeweiligen Wahrheit. Und er hat Einfluß auf den, der sich dazu verführen läßt, jeden auch noch so vermachteten institutionellen und sozialen Kontext als gleich geeignet anzusehen, um dort zu erzählen, was er als Wissenschaftler zu sagen hat. Die Wahrheiten, die er als Intellektueller und Wissenschaftler zukünftig erarbeitet, werden an Kraft einbüßen, selbst wenn die kritische Analysefähigkeit von Klaus Holz von den Angeboten derer, die einen Schlauen wie ihn gut instrumentalisieren können, nicht getrübt wird. Denn noch so kluge Sätze sind nichts ohne die Kohärenz der Person, die sie sagt.

MARKUS MOHR

(1) In der Internet-Fassung (www.verfassungsschutz.de/download/SHOW/symp_2005.pdf) ist der Beitrag von Klaus Holz auf den Seiten 15-25 nachzulesen. Mittlerweile werden die Beiträge des BfV-Symposiums in Form einer Broschüre „im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Bundesministeriums des Innern” kostenlos vertrieben: Bundesministerium des Innern / Referat IS3 (Hg.), Neuer Antisemitismus? / Judenfeindschaft im politischen Extremismus und im öffentlichen Diskurs, o. O. (Berlin) o. J. (2006) (Artikelnummer: BMI06323). Hier scheint weniger Platz als im Internet gewesen zu sein, so daß sich der textidentische Beitrag von Holz nunmehr auf den Seiten 30-53 findet, nach denen auch zitiert wird.

(2) Pressemitteilung des BfV, Köln vom 5.12.2005, Internet: www.verfassungsschutz.de/download/SHOW/me_051205_pressemitteilung.pdf

(3) Die Welt vom 6.5.2005, Internet: http://www.welt.de/data/2005/12/06/813598.html

(4) Vgl. Der SPIEGEL vom 24.1.1972: Nichts Unsittliches; Der SPIEGEL vom 31.1 1972: Mißglückter Schutz.

(5) Vgl. Tilmann Fichter: Verfassungsschutzer hallen APO zu kriminalisieren, in Der SPIEGEL vom 27.10.1980.

(6) Wolfgang Schäuble: Und der Zukunft zugewandt. Vollständige, aktualisierte Taschenbuchausgabe. Berlin August 1998. Das Buch wird zuweilen bei Ebay für einen Euro verkloppt. Die im Text referierten Zitate finden sich in der Reihenfolge auf den S. 217, 200, 197, 214 und 217.

(7) Klaus Holz: Nationaler Antisemitismus/Wissenssoziologie einer Weltanschauung. Hamburg 2001.

(8) Vgl. Martin Dietzsch, Alfred Schobert: V-Leute bei der NPD – Geführte Führende oder Führende Geführte? (Diss-Studie). Duisburg Juli 2002, Internet: dokmz.akdh.ch/interaktiv/download/npd-studie.pdf. Aber auch: Ingrid Müller-Münch: Argwohn eines Spitzels / NPD-Aktivist Frenz, der als V-Mann das Verbot zu Fall brachte, will von den Schlapphüten eine Entschädigung, in Frankfurter Rundschau vom 6.11.2003.

(9) Michael Csaszkóczy hat in Heidelberg für den Erhalt eines autonomen Jugendzentrums gekämpft und antifaschistische Stadtrundgänge initiiert. Im Frühjahr 1999 beging er den weiteren Fehler, gegen den grün-roten Kosovo-Krieg Stellung zu beziehen. Und der wurde bekanntlich mit Hilfe der noch von den alten Wehrmachtseinheiten inspirierten Gebirgsjägertruppen nach Auskunft des damaligen Außenministers zur Abwehr eines zweiten Auschwitz geführt. Auch das blieb dem zuständigen LfV nicht verborgen, so daß gegen Csaszkóczy aufgrund der filigranen Erkenntnisse dieser Behörde ein Berufsverbot als Lehrer verhängt worden ist. Der bislang nicht zu einem Symposium des BfV eingeladene Delinquent kann jede Unterstützung auch finanzieller Art gut gebrauchen. Weitere Informationen zu dem Berufsverbot unter: http://www.gegenberufsverbote.de/index1.php?secion=start&PHP-SESSID=c1a4a2512fc895c7252b81d38119d25e

(10) Die Welt vom 13.5.2006: Alter Haß im exotischen Tuch, Internet: http://www.welt.de/data/2006/05/13/885891.html

(11) Vgl. Klaus Holz: Aus trüber Quelle, in Die ZEIT vom 1.2.2006, Internet: http://www.zeit.de/2006/06/Islamo-Faschismus

(Quelle:
http://austria.indymedia.org/node/8912
)

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6 Antworten auf „(Wie) mit dem Verfassungsschutz diskutieren?“


  1. 1 qqqq 21. Dezember 2007 um 20:20 Uhr

    Muss das sein, dass in diesem ansonsten doch recht niveauvollen Blog Geronimos Privatressentiment ausgebreitet wird?

  2. 2 test 14. Januar 2008 um 13:18 Uhr

    Hallo,

    seid ihr noch da? Könnt ihr wenigstens mal sagen, warum ihr nichts mehr sagt?

  3. 3 Verbindulix 08. April 2008 um 17:57 Uhr

    Auf jeden Fall bist du noch in anderen Blogs in der Blogroll. Solltest mal wieder etwas schreiben, sonst wirst du uninteressant.Zum Thema, mit denen kann man nicht disskutieren, die machen einfach. Und die holen sich auch Freunde, da kannst du gar nichts gegen machen.

  4. 4 akari*lichterwald 13. Juni 2008 um 19:54 Uhr
  5. 5 im*moment*vorbei 02. Oktober 2008 um 2:24 Uhr

    seit fast einem jahr nichts mehr geschrieben und trotzdem in den blogsport-top10… ;-)

  6. 6 Ein mehr als guter Blog... 07. Oktober 2008 um 12:24 Uhr

    Zu recht nach wie vor in den Blogsport Top 10. Schließlich ist hier deutlich mehr als nur tagesaktuelle Beiträge, die schon in der nächsten Woche niemand mehr interessieren, zu finden. Schade, dass es nicht mehr weitergeht. Bundeswehr im Inneren (geplante Änderung vom Amtshilfe-Paragraph), Prozessbeginn gegen Axel, Florian und Oliver und vieles mehr würden gute Themen für interessante Analysen der §Amazone abgeben. Vielleicht kommt ja noch was – zumindest eine Erklärung, warum nichts mehr kommt.

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