Die Erklärung des MieterEchos wirft zumindest einige Frage auf. Zur Charakterisierung der militanten gruppe bezieht sich das MieterEcho auf die Presseberichterstattung: „Bei dieser Gruppe – in der Presse als bislang wenig bekannt beschrieben – soll es sich um ‚Feierabendendterroristen’ mit verschwörungstheoretischer Argumentation handeln, die durch das Anzünden einiger Kraftfahrzeuge ‚die gegenwärtigen staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen zugunsten einer kommunistischen Weltordnung zu beseitigen’ gedenke.“
Es wird zwar nicht deutlich gesagt, daß sich das MieterEcho diese Begriffe, die zugleich Wertungen sind, zu eigen macht. Aber es läßt sich schwer der Eindruck vermeiden, daß die ganze Presseerklärung auf dem Kontrast zwischen dem, wie die Presse die mg beschreibt, und dem, wie das MieterEcho Andrej H. beschreibt, aufgebaut. Zumindest latent ist die Botschaft: ‚Unser Kollege Andrej H. macht bei so einem Quatsch wie der mg nicht mit.’
Dieser Kontrast ist es, aus dem sich die eingangs angesprochene ‚Überraschung’ des MieterEchos speist: „Völlig überraschend musste die MieterEcho-Redaktion der Tagespresse entnehmen, dass gegen Andrej H. Haftbefehl erlassen worden sei.“
Über Andrej heißt es dann weiter: Er „gehört seit vielen Jahren zur Redaktion des MieterEcho, der Zeitschrift der Berliner MieterGemeinschaft, in der er regelmäßig in jeder Ausgabe mehrere Beiträge veröffentlicht. Er bedient sich dabei der Begrifflichkeit, die auch die internationale Gemeinschaft der Sozialwissenschaftler verwendet, der Andrej H. als Mitglied von INURA, einem renommierten internationalen Verbund von Stadtsoziologen, zugerechnet werden muss.“
Muß nicht auch dies in folgendem Sinne verstanden werden: Unserem Kumpel Andrej wird vorgeworfen „Schlagwörter und Phrasen“ zu verwenden, aber in Wahrheit verwendet er den internationalen wissenschaftlichen Code; Andrej gehört einer renommierten Vereinigung an, aber die mg ist zumindest suspekt (der Presseberichterstattung wird jedenfalls nicht widersprochen), wenn nicht durchgeknallt oder zumindest größenwahnsinnig (‚zur kommunistischen Weltordnung durch Autos anzünden’ – Wer ist schon so naiv? Andrej jedenfalls nicht!). Da das mit den Autos außerhalb des Presse-Zitates steht, verstärkt die Formulierung des MieterEchos sogar den abfälligen Tonfall der Presse gegenüber der mg noch zusätzlich.
Zumindest sei hiernach die Frage aufgeworfen, ob es nicht auch möglich wäre, jenen Kontrast von der anderen Seite her – zumindest teilweise – in Frage zu stellen? Müssen wir alles glauben, was in der Presse über die mg steht? (Immerhin sind mg-Texte im internet leicht zugänglich.) Müssen wir auch den despektierlichen Tonfall der Presse übernehmen?
Darüber hinaus sei das zumindest denkbare – wenn auch vielleicht nicht besonders wahrscheinliche – ‚Horrorszenario’ ausgesprochen: Was würde wohl aus der Solidarität mit dem langjährigen Redaktions-Mitglied des MieterEchos, Andrej H., werden, falls es der Bundesanwaltschaft doch gelingen sollte, handfeste Beweise für eine Mitgliedschaft von Andrej H. in der militanten gruppe zu präsentieren. Würde dann aus dem Mitglied eines „renommierten internationalen Verbund[es] von Stadtsoziologen“ ein Vertreter „verschwörungstheoretischer Argumentation“ werden?
Da die Erklärung des MieterEchos nicht die einzige der letzten Tage ist, die die Tendenz hat, Wissenschaftlichkeit (und sei es kritische Wissenschaftlichkeit) gegen Militanz auszuspielen, scheint es an der Zeit zu sein, derartige Argumentationslinien bewußt zu durchdenken, bevor sich in der Soli-Arbeit Argumentationslinien durchsetzen, die vielleicht gar nicht gewollt sind. Um eine solche Diskussion zu ermöglichen, wurde die homepage http://delete129a.blogsport.de/Forum zur Diskussion von Anti-Repressionsstrategien ins Leben gerufen. Der blog stellt nicht nur allen Interessierten die Möglichkeit zur Verfügung, die bereits eingestellten Beiträge zu kommentieren. Registrierte NutzerInnen können auch selbst neue Beiträge in den blog einstellen. Zur Registrierung ist ausschließlich die Angabe einer e-mail-Adresse nötig, an die das Paßwort gesandt werden kann.

Anm.:
Dieser Text wurde ursprünglich zur Seite http://soli.blogsport.de/ als Kommentar zur Erklärung des MieterEchos gepostet, wurde dort aber nicht veröffentlicht.