Wenn man zivilen Ungehorsam als Regelverstoß definiert, der mit der Absicht begangen wird, die Legitimität von Gesetzen und Maßnahmen dadurch in Zweifel zu ziehen, daß man sich selbst zum Opfer – zum ‚Fall’ macht –, dann gibt es überhaupt keinen Grund, dies zum Anlaß zu nehmen, den Unterschied von legal und illegal zu relativieren und den Regelverstoß für legal zu erklären. Damit ist nichts über die Legitimität des Vorstoßes und die moralische Integrität des Vorstoßenden gesagt. Ziviler Ungehorsam ist ein Mittel, das gerade durch das Risiko der Bestrafung, durch die Intensität des persönlichen Engagements die Vernunftansprüche des Bestehenden relativiert. Er kann ein Bewegungsmoment sein, ein Mittel, ausgeschlossene Themen in den politischen Willensbildungsprozeß einzubringen mit der Möglichkeit, daß politische Programme Gesetz werden. Mit anderen Worten: Die Tatsache, daß wir es mit einem Prozeß zu tun haben, in dem Nicht- oder Noch-Nicht-Gesetzliches zu Gesetzen wird, ist kein Grund die analytische Unterscheidung der Ebenen legal und illegal aufzugeben.

nach:
Ulli F. Rühl, Bemerkungen zu Ladeurs „Vorüberlegungen zu einer ökologischen Verfassungstheorie“, in: Demokratie und Recht 1983, 297 – 306 (304).